Hotel überwacht Mitarbeiter

Schikane mit System? Gewerkschaft vermutet: Penta will Betriebsrat zerschlagen

Kassel. Als Mehmet Gür Anfang September aus dem Urlaub in der Türkei zurückkam, gab es mehrere böse Überraschungen. Auf dem August-Gehaltszettel des 44-Jährigen, der als Nachtportier im Pentahotel am Bahnhof Wilhelmshöhe arbeitet und dort seit zehn Jahren Betriebsratschef ist, stand nur die Hälfte des Lohns.

Gür war während des Urlaubs 20 Tage wegen eines Rückenleidens krankgeschrieben worden, weshalb sich seine Abwesenheit von der Arbeit verlängerte. In Kassel schrieb ihn eine Ärztin weiter krank. Offenbar nahm ihm der Arbeitgeber die Krankheit nicht ab und wertete die Fehlzeit als unbezahlten Urlaub.

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Als Gür in der Sache vorige Woche bei der Gewerkschaft war, bekam er einen aufgeregten Anruf von seiner 14-jährigen Tochter: Ein Mann mit einem Strauß Blumen habe vor der Tür gestanden und sie sowie die zehnjährige Schwester nach dem Vater ausgefragt. Als Gür später nach Hause kam, bemerkte er, dass er aus einem weißen Transporter heraus von einer Frau gefilmt wurde.

Der Wagen mit Bonner Kennzeichen gehöre zu einer Detektei, die von seinem Arbeitgeber vor zwei Jahren schon einmal beauftragt worden sei, um einen inzwischen gekündigten Kollegen zu überwachen, sagt Gür im Gespräch mit der HNA. Die Frau habe er daher wiedererkannt: Sie habe damals vor Gericht als Zeugin ausgesagt. Gür ist überzeugt, dass auch diesmal das Pentahotel die Überwachung in Auftrag gegeben hat.

„Ich fühle mich in meinen Persönlichkeitsrechten verletzt“, sagt der 44-Jährige. Besonders schlimm finde er aber, dass die Detektive selbst vor seiner Familie nicht haltmachten. „Meine Zehnjährige hat seit dem Vorfall Angst, auf die Straße zu gehen.“

Auch Andreas Kampmann, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG (Nahrung - Genuss - Gaststätten), ist empört. Bei Zweifeln an einer Krankschreibung könne der Arbeitgeber den Medizinischen Dienst der Krankenkassen für eine Überprüfung einschalten, sagt der Gewerkschafter. Er vermutet, dass der langjährige Betriebsrat mit der Aktion gezielt eingeschüchtert werden soll.

Mit der Gehaltskürzung werde Gür, der als Alleinverdiener seine Familie zu ernähren habe, zudem finanziell massiv unter Druck gesetzt. Zu den persönlichen Schikanen passe, dass die Betreibergesellschaft des Pentahotels die Betriebsratswahl vom April vor Gericht angefochten habe, sagt Kampmann (siehe Artikel rechts). Das Kasseler Arbeitsgericht hat die Wahl im August aus formellen Gründen in erster Instanz für unwirksam erklärt, wie ein Gerichtssprecher auf Nachfrage der HNA bestätigte.

Die NGG will jetzt in Berufung gehen. Kampmann vermutet, dass dem Hotel der Betriebsrat ein Dorn im Auge ist. Das Kasseler Haus sei das einzige der Penta-Kette, das einen Betriebsrat habe. „Offenbar setzt die Geschäftsleitung auch beim Kopf des Betriebsrats an, nach dem Motto: Wenn der weg ist, wird sich auch der Betriebsrat zerschlagen.“

Vorwurf: Druck auf Mitarbeiter ausgeübt

Die Stimmung unter der Belegschaft des Pentahotels am Bahnhof Wilhelmshöhe ist offenbar schon seit Längerem angespannt. Im Vorfeld der Betriebsratswahl im April soll von der Führungsetage Druck auf Beschäftigte ausgeübt worden sein, „die richtigen Kandidaten“ zu wählen, wie die HNA aus Mitarbeiterkreisen erfuhr. Neben den drei bisherigen Betriebsratsmitgliedern hatten sich drei Personen aus den Reihen des Führungspersonals als Kandidaten aufstellen lassen. Bei der Wahl wurde jedoch der amtierende Betriebsrat mit Mehmet Gür an der Spitze bestätigt.

Daraufhin zweifelte die Geschäftsführung die Wahl an. Unter anderem sei bemängelt worden, dass keine öffentliche Stimmauszählung gewährleistet gewesen sei, sagt NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann. Dabei seien elf Beschäftigte - ein Drittel der Belegschaft - bei der Auszählung dabei gewesen, der Termin sei vorher angekündigt worden. Aus Sicht der Gewerkschaft gibt die Arbeit des Betriebsrats in den vergangenen Jahren dem Arbeitgeber keinen Anlass für das derzeitige „destruktive Vorgehen“, so Kampmann. Wie viele Hotelbetriebsräte sei auch der im Pentahotel„ziemlich zart besaitet“ und „handzahm“. Der Betriebsrat habe in der Vergangenheit alles mitgetragen, damit das Geschäft läuft. (rud)

Das sagt Penta

„Überwachung gibt es bei uns nicht“ Auf Nachfrage bei der Pentahotel-Kette, ob es vorkomme, dass Hotelmitarbeiter überwacht werden, sagte Sprecher Sönke Ingwersen: „So was machen wir nie.“ Auf Nachhaken und den Hinweis auf ein Gerichtsverfahren vor zwei Jahren, bei dem einem Kasseler Penta-Mitarbeiter wegen Unterschlagung gekündigt wurde, räumte er ein: „Wenn es offensichtlich schwerwiegende Dinge gibt, die einer Klärung bedürfen, dann holt man sich auch mal Unterstützung.“ Zu dem konkreten Fall in Kassel wollte sich der Sprecher der Pentahotels GmbH „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht äußern. Auch zu der Frage, wie viele Betriebsräte es in den Pentahotels in Deutschland gibt, gab der Sprecher keine Auskunft. (rud)

Das sagt der Rechtsanwalt

„Ärztliche Krankschreibung hat hohen Beweiswert“

Wenn ein Beschäftigter krankgeschrieben ist und der Arbeitgeber Zweifel daran hat, dass der Mitarbeiter wirklich arbeitsunfähig ist, könne er grundsätzlich Detektive einschalten, sagt der Kasseler Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Axel Braunholz. Denn komme es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung, müsse der Arbeitgeber Beweise vorlegen, wenn er eine Chance auf Erfolg haben will. „Ein ärztliches Attest hat einen hohen Beweiswert und wird vor Gericht in der Regel nicht ohne Weiteres angezweifelt“, sagt Braunholz.

Die Überwachung des Mitarbeiters müsse sich aber in den rechtlichen Grenzen bewegen. Die Beobachtung ist beispielsweise nur von öffentlichem Raum aus erlaubt. Zudem könne der Arbeitgeber bei Zweifeln an der Arbeitsunfähigkeit des Beschäftigten dessen Gehalt kürzen, sagt der Anwalt. „Denn die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall durch den Arbeitgeber setzt voraus, dass der Arbeitnehmer erkrankt ist.“ Der Arbeitnehmer könne sich dagegen vor Gericht wehren. Dort müsse dann geklärt werden, ob die nicht geleistete Entgeltfortzahlung rechtmäßig war.

Von Katja Rudolph 

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