Kurz vor seinem Tod erinnerte er sich

Gewölbe am Ständeplatz: Alte Felsenkeller waren Eberhard Heinemanns Spielplatz

Foto aus friedlichen Zeiten: Diese Aufnahme aus dem Jahr 1934 zeigt Eberhard Heinemann (links) mit seinem größeren Bruder Siegfried (Mitte) und seiner Tante Martha vor dem Haus Ständeplatz 10. Die vier Fenster rechts im Erdgeschoss gehörten zu ihrer Wohnung.

Kassel. Als Eberhard Heinemann vergangenen Samstag die HNA aufschlug, sah er auf der Titelseite ein vertrautes Bild: Die jahrzehntelang verschollenen und nun wiederentdeckten Felsenkeller unter dem Ständeplatz.

Der Kasseler hatte ab 1934 in dem Haus gelebt, das zur Kelleranlage gehörte und im Krieg zerstört wurde. Einen Tag nachdem er unserer Zeitung aus dieser Zeit berichtete, starb Heinemann 90-jährig in der Nacht zu Dienstag. Seine Angehörigen baten darum, seine Erinnerungen dennoch zu veröffentlichen. Es sei ihm ein Anliegen gewesen.

Die Unterwelten-Forscher des Kasseler Vereins Vikonauten hatten neben dem Ständehaus zwei 150 Jahre alte Felsenkeller wiederentdeckt. Die unterirdische Anlage war in der Nachkriegszeit zugemauert worden und in Vergessenheit geraten.

Eberhard Heinemann

Heinemann kannte das Gewölbe wie seine Westentasche - oft trieb er sich dort herum. Ab 1934 lebte er mit seiner Familie im Erdgeschoss des Hauses Ständeplatz 10, unter dem sich die Felsenkeller befanden. Heinemanns Vater war Chauffeur des Landeshauptmanns am Ständeplatz, weshalb die bürgerliche Familie früh mobil war. „Alles habe ich noch in guter Erinnerung, das Haus, den Hof und die beiden Felsenkeller“, erzählte Heinemann. In dem einen Keller habe ein Weinhändler seine Flaschen gelagert und in dem anderen habe eine Marktfrau ihr Obst und Gemüse untergebracht.

„Recht bald mussten beide räumen, eine Baufirma rückte an, um einen Zwischenstollen zu errichten. Für uns Kinder war das hochinteressant.“ Ganz besonders gefesselt waren der junge Eberhard und die anderen Nachbarskinder, als ein Schacht eingebaut wurde, der als Notausgang zum Garten dienen sollte. Schließlich seien an die Eingänge zum Keller massive Eisentüren angebracht worden.

Im Krieg zerstört: Das Haus Ständeplatz 10, zu dem die Felsenkeller gehörten, stand links neben dem Ständehaus. Das Foto entstand 1928. Foto: Stadtarchiv Kassel

Was die Kinder seinerzeit interessiert beobachteten, waren die Vorbereitungen auf den Bombenkrieg. Der Felsenkeller, der jahrzehntelang der Lagerung von Bier, Wein und Lebensmitteln diente, sollte nun den Kasselern Schutz bieten. Über der Toreinfahrt des Hauses Ständeplatz 10 wies ein Schild auf den öffentlichen Luftschutzraum hin.

„Später im Krieg kamen bei Fliegeralarm viele Nachbarn aus umliegenden Häusern und suchten bei uns Schutz“, erinnert sich Heinemann. Überliefert ist die Erinnerung einer Zeitzeugin, die in der Bombennacht am 22. Oktober 1943 dort ausharrte. In den Protokollen der Vermisstensuchstelle ist diese nachzulesen. Die Frau beschreibt, wie die Menschen unter dem Ständeplatz zusammengekauert saßen: „Hier waren ganze Familien, die Kinder wie die Orgelpfeifen. Man sah gar keine Gesichter, nur Tücher. Im Bunker wurde das Sprechen verboten, junge Mädchen gaben was zu trinken und machten die Tücher nass.“

Eberhard Heinemann war zu der Zeit an der Ostfront. Er kehrte 1950 aus russischer Gefangenschaft zurück. Sein Bruder nicht.

Kassel: Altes Gewölbe unter dem Ständehaus entdeckt

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