Prozess um 100.000-Euro-Überfall: 48-jähriges Opfer sagt aus

Kassel. Im Oktober 2009 wurden ihm beim nächtlichen Verlassen der Spielbank in der Kasseler Kurfürstengalerie fast 100.000 Euro geraubt. Am Mittwoch trat der 48-Jährige im Prozess gegen einen der beiden mutmaßlichen Täter vor dem Kasseler Landgericht in den Zeugenstand.

Nüchtern, humorlos, selbstbewusst berichtet der Mann von jenem Abend –und ist dabei so sehr um Exaktheit bemüht, dass es ihm hinterher beinahe schon leid tut: „Ich entschuldige mich für die präzise Natur meines Dialogs“, sagt er in seinem leicht amerikanisch eingefärbten Deutsch.

Er wolle „wissenschaftlich, nicht emotional“ antworten, erklärt er – und identifiziert den 27-Jährigen auf der Anklagebank deshalb auch nur „zu 85 Prozent“ als einen der Räuber. Obwohl er sich absolut sicher sei. Aber theoretisch, sagt er, könnte der Mann ja auch noch einen Zwillingsbruder haben.

Der Angeklagte bestreitet die Tat – genauso wie den Überfall auf ein An- und Verkaufsgeschäft in der Holländischen Straße, an dem er ebenfalls beteiligt gewesen sein soll.

Laut Anklage soll der 27-Jährige seinem Opfer beim Einsteigen ins Auto vor der Spielbank mit einem Messer ins Bein gestochen haben, während der zweite Täter, gegen den gesondert ermittelt wird, mit einer Pistole herumfuchtelte und dem Spieler das Geld aus der Hemdtasche nahm. Ein dickes Bündel von fast 200 Scheinen à 500 Euro. Der Gewinn des Abends, wie der Überfallene berichtet, plus die 12.500 Euro, die er als Einsatz mitgebracht habe.

Es war – bis zu dem Überfall natürlich – ein erfolgreicher, aber kein besonderer Spielbankbesuch für den 48-Jährigen. „Das war Routine“, sagt er. „Wie ein Job.“ In den Wochen zuvor war er fast jeden Tag in das Automatencasino gegangen. „Und ich hatte immer auffällige Gewinne.“ Am Tag vor der Tat habe er sogar mehr als 100 000 Euro mit nach Hause genommen. Was leider kein Geheimnis geblieben sei.

„Die Spielbank ist proppenvoll mit Leuten, die nichts anderes zu tun haben als zu gucken, was andere machen“, klagt er. „Das ist wie ein Zoo, ein Menschenzoo.“ Und wenn jemand große Gewinne mache, bleibe das nicht verborgen. „Die Räumlichkeiten sind äußerst unprofessionell und nicht diskret“, meint der Mann. „Die sind da nicht gewohnt, mit seriösen Spielern umzugehen.“ Mit Spielern wie ihm.

Bemerkt, dass er beobachtet und ausgekundschaftet wurde, aber habe er nicht. Und der Angeklagte, so viel steht fest, war an jenem Abend auch gar nicht im Casino. Nach neun Verhandlungstagen sind immer noch viele Fragen offen.

Der Prozess wird fortgesetzt. (jft)

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