Drogenhilfe-Expertin zur Szene auf dem Lutherplatz: „Spielregeln aushandeln“

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Angela Waldschmidt

Kassel. Kirchgänger fühlen sich belästigt - benutze Spritzen und Bierflaschen bestimmen das Bild: Über die Probleme mit der Alkohol- und Drogenszene auf dem Lutherplatz sprachen wir mit Angela Waldschmidt von der Drogenhilfe Nordhessen.

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Kirchengemeinde und Anwohner klagen über das hohe Aggressionspotenzial der Szene. Können Sie deren Ängste nachvollziehen?

Angela Waldschmidt: Die Dienstagsrunde Drogen, an der auch Polizei und Ordnungsamt beteiligt sind, beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Drogenszene. Ich habe von keinem einzigen Fall gehört, in dem die Drogenszene gegen Passanten aggressiv geworden wäre. Das ist sie höchstens untereinander. Was ich nachvollziehen kann, ist, dass viele die Szene als befremdlich und beängstigend erleben. Weil die Leute oft lauter sind, viele Hunde haben und Außenstehende die Situation schlecht einschätzen können.

Stimmt es, dass sich Alkohol- und Drogenszene immer stärker durchmischen?

Waldschmidt: Nein, es sind grundsätzlich zwei getrennte Gruppen. Die Szene am Trafohäuschen auf dem Lutherplatz hat sich sogar mit Plakaten gegen die Drogenszene gewehrt. Dass sich die Szene auf dem Lutherplatz begegnet, ist eine Folge der vielen Alkoholverbote in der Innenstadt. Es hat eine Verdrängung Richtung Lutherplatz stattgefunden. Die Drogenszene tritt dort nun verstärkt in Erscheinung.

Wie groß ist die Szene?

Waldschmidt: Das schwankt. Insgesamt sind dort 50 bis 60 Leute pro Tag, die nicht alle auf einmal kommen. Aber selbst, wenn es nur 20 bis 25 sind, fällt das auf.

Ist die Drogenhilfe mit Hilfsangeboten auf dem Lutherplatz präsent?

Waldschmidt: Wir haben dafür keinerlei Kapazitäten. Es ist dort kein Streetworker im Einsatz. Aber die Szene ist nicht unbetreut. Sie nimmt Angebote im Kontaktladen und andere Hilfen in Anspruch. Es gibt in jeder größeren Stadt eine illegale Drogenszene. Die sucht sich einen Raum. Das wird man nicht ändern können.

Trotzdem kann man nicht einfach zuschauen. Die Frage ist: Wie geht man damit um?

Waldschmidt: Esgibt kein Allheilmittel, nicht diesen einen Weg. Es muss ein Gesamtkonzept geben, in dem es darum geht, der Szene auch einen öffentlichen Raum zu ermöglichen und gleichzeitig Spielregeln auszuhandeln, für deren Einhaltung untereinander gesorgt wird. Auch bei Drogenabhängigen gibt es solche, mit denen man rechnen kann. Aber man muss den Kontakt suchen.

Der Lutherkirchengemeinde ist damit aber nicht geholfen. Können Sie deren Unmut verstehen?

Waldschmidt: Es gibt einen Dialog zwischen der Stadt und der Kirchengemeinde, um zu klären, wie man mit der Situation besser umgehen kann. Wichtig ist ein gemeinsamer Prozess. Auch die Szene selbst müsste an einer Lösung mitarbeiten.

Gibt es entsprechende Gesprächsangebote?

Waldschmidt: Nach meiner Kenntnis bisher nicht. Aber das muss kommen. Die Menschen aus der Szene sind ja nicht alle völlig verantwortungslos. Sie erleben ihre Situation auch nicht als befriedigend. Sie werden schräg angeguckt und nicht toleriert. Wir müssen gucken, ob die Szene in der Lage ist, auch selbst regulierend tätig zu werden. Ich denke, die Bereitschaft ist da.

Könnte ein Trinkraum zur Entspannung beitragen?

Waldschmidt: Ein Trinkraum und dann ist alles gut, das ist Illusion. Er kann nur ein kleiner Baustein sein, der abhängig von den Jahreszeiten unterschiedlich in Anspruch genommen wird. Er ist auch nur sinnvoll im Paket mit weiteren Angeboten, die im Zuge der Operation „Sichere Zukunft“ heruntergefahren wurden. Diese wieder besser auszustatten, ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern der finanziellen Möglichkeiten. In Kassel sind dem Grenzen gesetzt.

Was könnte man bestenfalls erreichen?

Waldschmidt: Die Szene zu entzerren, wie es auch in Kiel gemacht wird. Es wäre falsch, den Bürgern zu sagen: Man kann das Problem lösen. Wichtig ist, in Kontakt zu kommen und eine für alle Beteiligten erträgliche Lösung zu finden.

Von Ellen Schwaab

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