Studium abgebrochen und stattdessen in die Lehre: Zwei Azubis aus Kassel berichten

Glätteisen statt Vorlesung - Studienabbrecher im Handwerk

Nach einem BWL-Semester war Schluss: Anna Linzert studierte nach ihrer ersten Ausbildung für einige Monate in Köln. Jetzt absolviert sie eine Frisörausbildung. Fotos: Holscher

Kassel. Die Abbruchquoten bei Studierenden sind seit der Umstellung auf Bachelor- und Mastersystem gestiegen. Das Handwerk hat dieses Problem erkannt und wirbt um die Abbrecher. Anna Linzert und Malte Schötteldreier sind diesen Weg gegangen.

Haare föhnen statt Statistik lernen, Fahrräder reparieren statt Marx und Engels analysieren. Anna Linzert studierte Betriebswirtschaftslehre in Köln – heute ist sie Auszubildende in einem Frisörsalon. Malte Schötteldreier, ehemaliger Lehramtsstudent, arbeitet im Fahrradladen.

Schrauben statt Pauken: Malte Schötteldreier studierte Politik und Sport. Jetzt ist er Zweiradmechaniker-Azubi.

Von der BWL-Studentin zur angehenden Frisörin: „Für viele ist das schwer zu verstehen“, sagt die 24-Jährige. Von manchen werde sie sogar belächelt. „Das macht mir nichts. Ich kann wieder kreativ arbeiten“, sagt sie. Eine überfüllte Vorlesung morgens, eine abends, ständiger Druck, noch lernen zu müssen und nie wirklich Feierabend. Dazu die fehlende Tagesstruktur. „Es war fast zu viel Flexibilität“, sagt Anna Linzert. Sie merkte schnell, dass das Studium nichts für sie ist.Nach dem Abitur hatte sie eine Ausbildung zur Produktionsgestalterin Textil absolviert. „Vielleicht war der Schritt vom Arbeiten zurück zum Lernen zu groß“, vermutet sie.

Zu wenig Leben

Für Malte Schötteldreier klang es logisch, Sport und Politikwissenschaften auf Lehramt zu studieren. Die beiden Fächer hatte er als Leistungsfächer in der Schule belegt. Mutter und Bruder, ebenfalls Lehrer, bestärkten ihn. Mit dem Studienbeginn kamen die Bedenken: „Es war die Perspektive“, sagt der 21-Jährige. „Schule, Studium, Schule – das war mir zu wenig Leben dazwischen.“ Und: Er habe andere Erwartungen gehabt, die durch das unflexible System aber nicht möglich seien. „Ich konnte nicht frei Vorlesungen wählen, wie ich gerne wollte.“

Anna Linzert wollte trotz eines unbefristeten Arbeitsvertrags mit dem Studium etwas Neues probieren und ihre Kenntnisse an der Betriebswirtschaft erweitern. „Der Textilmarkt ist umkämpft, es gibt wenig Stellen.“ Deshalb wollte sie sich weiterbilden.

Im Oktober 2011 begann sie mit dem Studium. Schon zu Weihnachten wusste sie, dass sie es abbrechen wollte. „Klar kam ich mir da blöd vor, aber es war nicht das Richtige.“ Sie begann als Praktikantin im Frisörsalon „Pink Level“ ihrer Eltern. Jetzt ist sie in der Ausbildung, möchte später ihren Meister machen und die beiden Salons der Eltern übernehmen.

Nach dem dritten Semester zog Malte Schötteldreier einen Schlussstrich. Das sei kein gutes Gefühl gewesen. „Aber besser jetzt eine Entscheidung treffen als nach sechs Semestern“, sagt der gebürtige Fritzlarer. Im Fahrradhof am Bahnhof Wilhelmshöhe macht der Zweiradmechaniker-Azubi genau das, was er privat am liebsten macht: An Rädern rumbasteln. Zuhause stehen gleich acht Räder. Der Monatslohn sei als Auszubildender nicht hoch – 296 Euro im ersten Jahr. „Weil ich vorher ausgeholfen habe, bin ich direkt ins zweite Jahr gekommen.“ Und studieren wollte er später trotzdem noch.

Hintergrund

„Handwerk bringt dich überall hin“ – unter diesem Motto bemühe man sich auch um Studienabbrecher, sagt Barbara Scholz, Pressesprecherin der Handwerkskammer. Die Anzahl der Azubis mit Abitur stieg von fünf Prozent im Jahr 2005 auf neun Prozent 2011. Das Handwerk wolle denen, die sich an der Uni nicht wohlfühlen, eine Heimat bieten. Die Perspektive sei nicht schlecht:

„Allein in unserem Kammerbezirk in Nord-, Ost- und Mittelhessen stehen bis 2020 rund 3200 Betriebe aus Altersgründen zur Übergabe an.“ (mho)

Kontakt: Im Internet www.hwk-kassel.de Telefon: 0561/7888-0

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