Schulden an der Tankstelle

Kassel. Vor dem größten Gerichtssaal im Kasseler Amtsgericht herrschte am Donnrstagmorgen großes Gedränge. Auch Fernsehteams waren erschienen, um wenigstens auf dem Gerichtsflur im ersten Stock ein paar Bilder zu der nicht-öffentlichen Sitzung zu schießen.

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MEG - Gläubiger sollen 12,99 Prozent erhalten

Im Mittelpunkt des Medieninteresses: Die 41 von 670 Geschädigten des Pleite gegangenen Versicherungsvermittlers MEG, die persönlich zur Gläubigerversammlung erschienen waren. Nicht alle waren in ihren Aussagen so konkret wie Helmut Eberlein. Der Kasseler Ferrari-Händler bekommt noch rund 60 000 Euro aus Leasing-Verträgen und Werkstattrechnungen. Der MEG-Vorstand war vorwiegend mit Ferraris unterwegs. Eberlein sagte, dass er anfangs zu den Verteidigern Mehmet Gökers gehört habe: „Der hat sein Geld wenigstens in der Region ausgegeben“. Doch mit der Zeit sei auch ihm klar gewesen, dass das System MEG zusammenbrechen würde. „Mehmet Göker hat doch jenseits aller Vernunft gehandelt. Der hat zum Schluss ganz perverse Sachen gemacht“. Die von der MEG geleasten Ferraris seien aber alle noch da. Eberlein: „Einen Totalverlust mussten wir Gott sei Dank nicht erleiden.“ Nicht nur der Autohändler hat Forderungen an die MEG. Für die Tankstelle Knierim, an der die Ferraris betankt wurden, nahm Geschäftsführerin Claudia Haghani an der Gläubigerversammlung teil. Unter den aus Kassel erschienenen Gläubigern war auch Torsten Evers, Chef des Damen- und Herrenausstatters Heinsius + Sander. Göker war dafür bekannt, mindestens einmal im Jahr für sich und seine Vorstandsriege Maßanzüge in Auftrag zu geben. Evers wollte nicht sagen, wie hoch die Forderungen seines Hauses an die MEG sind. Auch von den Vertretern der Fiducia GmbH, Vermieterin des MEG-Geschäftssitzes an der Falderbaumstraße, gab es keine konkreten Angaben über die Höhe ihrer Forderungen.

Reisen in alle Welt

Schlechte Erfahrungen mit der MEG hat auch das Reisecenter Alltours in der Ochshäuser Straße gemacht. 170 000 Euro für Reisen in alle Welt bekomme man noch, sagt Marc Schmidt vom Reisebüro. Schmidt: „Es wird für uns weitergehen. Aber der Verlust ist schon hart.“ Nicht nur Geld, sondern auch ihre Arbeitsplätze haben der ehemalige MEG-Angestellte Arne Lehmann und der Auszubildende Daniel Kübli verloren. Beide hoffen, als Gläubiger zumindest einen Teil ihrer noch offen stehenden Provisionen, Storno-Reserven- und Courtagen-Forderungen zu bekommen.

Anwesend waren auch Vertreter der Arbeitsagentur und des Finanzamtes Kassel-Hofgeismar. Doch die durften nichts sagen - Steuergeheimnis. Auskunft erteilten dagegen die zahlreich erschienenen Vertreter von Versicherungen. Die „Inter“-Krankenversicherung aus Mannheim hat Forderungen in Höhe von drei Millionen Euro, die sich aus stornierten Verträgen ergeben, für die man in Vorleistung getreten war. Betroffen waren 800 bis 900 Kunden, die von der MEG an die Inter-Versicherung vermittelt worden waren. Diese würden jetzt von der „Inter“ direkt betreut, sagte Dr. Frank Reinhard, Leiter der Rechtsabteilung der Versicherung.

Auch ein Vertreter der Central Versicherung aus Köln war erschienen. Die Versicherung bekommt noch 5,5 Millionen Euro von der MEG. Gleich zu dritt waren Vertreter des Versicherungskonzerns Axa aus Köln angereist. Axa soll Forderungen von etwa 17 Millionen Euro haben. Die Abordnung des Versicherungskonzerns wollte sich gestern nicht näher dazu äußern. Nach der Versammlung sah man unter den Gläubigern durchaus entspannte Gesichter: Die in Aussicht gestellte Quote von 12,99 Prozent, die man zurück bekommen kann, wäre höher als erhofft. Ferrari-Händler Helmut Eberlein sagte: „Das wichtigest ist, dass wir daraus gelernt haben: Man darf einfach nicht so leichtsinnig und leichtgläubig sein.“

Von Frank Thonicke und Wilhelm Ditzel

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