In einer Reihe mit Edward Snowden und Joachim Gauck

Glas der Vernunft: Dieser Klima-Aktivist fordert Energiegigant RWE heraus

Saul Luciano Lliuya aus Huaraz (Peru) in seiner Heimat.

Kassel. Saúl Luciano Lliuya kämpft gegen den Klimawandel und legt sich darum mit dem Energiegiganten RWE an. Nun wurde der Landwirt aus Peru mit dem Kasseler Glas der Vernunft ausgezeichnet. 

Vernunft ist, dass man dafür einstehen muss, wenn unter den Folgen des eigenen Handelns andere leiden. Vernünftig ist es auch, wenn man für solche Fälle geschaffene Rechtsgarantien in Anspruch nimmt. So gesehen ist der Peruaner Saúl Luciano Lliuya wohl einer der würdigsten Preisträger, die bisher den Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ erhalten haben.

Beim Verleihungs-Festakt am Sonntag im Opernhaus gab es langen, stehend dagebotenen Applaus für den Landwirt, der nicht mehr will als sein Recht. Und der mit seiner Initiative einen Präzedenzfall schaffen könnte, dass großindustrielle Umweltsünder weltweit stärker in die Verantwortung für Klimafolgeschäden genommen werden können.

Saul Luciano Lliuya

Lliuya ist ein einfacher Mann und seine simple Rechnung geht so: Ein schmelzender Gletscher bedroht seine Heimat in den peruanischen Anden. Ursache ist der menschengemachte Klimawandel. An dem ist der deutsche Energiekonzern RWE im weltweiten Maßstab zu 0,5 Prozent mitverantwortlich. Also müsse sich RWE entsprechend dieses Anteils finanziell an Hochwasser-Schutzmaßnahmen in Lliuyas Heimatort beteiligen.

Diese Darlegung fand das Oberlandesgericht Hamm Ende 2017 plausibel genug, um das Verfahren nun weiterzuverfolgen. Damit könne „ein Stück Rechtsgeschichte geschrieben“ werden, sagte als Laudatorin die Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie ging hart ins Gericht mit dem von RWE betriebenen Braunkohletagebau, der für die dreckigste und klimaschädlichste Form der Energieproduktion stehe. Es müsse aufhören, dass damit Profit gemacht, die Folgen jedoch der globalen Allgemeinheit aufgebürdet würden.

Die globale Erwärmung bringt laut Kempfert volkswirtschaftliche Folgekosten mit sich, die um ein Vielfaches höher seien als das, was man vernünftigerweise in die Begrenzung des Klima-Raubbaus investieren müsse. Dass jemand wie Lliuya initiativ werden müsse, um im westlichen Wohlstands-Kosmos den juristischen Anstoß für ein Umsteuern zu geben, „sollte uns allen die Schamesröte ins Gesicht treiben“, meinte sie.

Das Thema sei zu lange der Politik überlassen worden; „es wird Zeit, dass sich die Zivilgesellschaft einmischt“, forderte Prof. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimaforschung. Bravourös löste der weltweit renommierte Experte in seinem Festvortrag die Ankündigung ein, dass „Klimaphysik gar nicht langweilig sein“ müsse.

Welche Ursachen der Dürresommer 2018 hatte, warum die nächste Eiszeit „abgesagt“ ist und der Mensch die Klima-Dynamik des Planeten bereits unumkehrbar verändert hat – das begeisterte Festpublikum begriff dank Schnellnhubers souveräner Erklärkunst die komplexesten Zusammenhänge und genoss des Redners feine Ironie und Seitenhiebe – etwa auf US-Präsident Donald Trump, der an einen Klimawandel laut eigenen Absonderungen schlicht nicht glaubt.

Das ist das Glas der Vernunft

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wird seit 1991 jährlich an Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten verliehen, die sich um Vernunft und Toleranz als Ideale der Aufklärung verdient gemacht haben. Verliehen wird der Preis, der aus 10 000 Euro sowie einem vom Kasseler Künstler Karl Oskar Blase gestalteten Glasprisma besteht, von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Kasseler Bürgerpreises. Als einer der Mitgründer hatte der Kasseler Mediziner Prof. Dr Hansjörg Melchior diese Gesellschaft 25 Jahre lang geleitet, bis er den Vorsitz vor drei Jahren an den früheren documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld weitergab. Erster Preisträger war 1991 der FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher.

Glas der Vernunft: Die Preisträger

Zu den bisherigen Trägern des Kassseler Bürgerpreises gehören unter anderem: Pavel Kohout (Schriftsteller; 1995), Lea Rabin (israelische Politikerin; 1999), Hilmar Hoffmann (Kulturschaffender; 2002), Klaus von Dohnanyi (Politiker; 2004), Harald Szeemann (Kurator / documenta-Leiter; 2005), Ayaan Hirsi Ali (niederländische Frauenrechtlerin; 2006), Joachim Gauck („Gauck-Behörde“, 2009; später Bundespräsident), Ai Weiwei (chinesischer Künstler; 2010), Jürgen Habermas (Philosoph; 2013), Edward Snowden („Whistleblower“; 2016 in Abwesenheit) sowie die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (2017).

Der peruanische Landwirt und Bergführer Saúl Luciano Lliuya hat am Sonntag den Kasseler Bürgerpreis "Das Glas der Vernunft" entgegengenommen. Der 37-Jährige wurde für seinen juristischen Kampf gegen einen deutschen Energiekonzern ausgezeichnet. Er will RWE zwingen, Verantwortung für Folgen des Klimawandels zu übernehmen. "Sie haben bereits jetzt ein Stück Rechtsgeschichte geschrieben, lieber Saúl!", sagte die Laudatorin Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Der Landwirt aus den Hochanden verlangt durch eine zivilrechtliche Klage von RWE eine Beteiligung an den Kosten von Schutzmaßnahmen, um seinen Besitz vor der drohenden Überflutung durch einen Gletschersee zu sichern. "Ein Bergführer aus den peruanischen Anden erklimmt als allererster Mensch einen juristischen Gipfel, der bislang als unbezwingbar galt!", erklärte Kemfert. Es sei wichtig, dass die Zivilgesellschaft zur "juristischen Steinschleuder Davids greift, um dem industriellen Goliath eine Lektion zu erteilen".

Der Kasseler Bürgerpreis "Das Glas der Vernunft" wurde im Jahr 1990 von Kasseler Bürgern als Auszeichnung gestiftet. Er ist mit einem Geldpreis in Höhe von 10.000 Euro dotiert. Zu den Preisträgern früherer Jahre gehören der Whistleblower Edward Snowden und Joachim Gauck. Der Kasseler Bürgerpreis wird aus Anlass der deutschen Wiedervereinigung seit 1991 vergeben und würdigt Personen, die sich in besonderem Maße um Aufklärung, Vernunft und Toleranz verdient gemacht haben

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