Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ ging an britischen Choreografen Royston Maldoom

Glas der Vernunft: Er lässt sie alle tanzen

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Preisträger Royston Maldoom (Dritter von links) mit (von links) Karin und Prof. Hansjörg Melchior von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Kasseler Bürgerpreises.

Kassel. Eigentlich ist die Bühne sein Element. Bei der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises „Das Glas der Vernunft“ am Sonntag musste Royston Maldoom aber sanft ins Licht auf der Bühne des Opernhauses geschoben werden.

Als der britische Choreograf und Tanzpädagoge den mit 10 000 Euro dotierten Preis in den Händen hielt, legte er die Bescheidenheit ab und sprach über seine Tanzprojekte für jedermann, mit denen er Jugendliche aber auch Erwachsene dazu motiviert, ihre Stärken zu entdecken.

Bekannt geworden ist Maldoom vor allem durch den Dokumentarfilm „Rhythm Is It!“. Für diesem Film wurde er im Jahr 2003 von einem Kamerateam bei einem Berliner Tanzprojekt begleitet. Auf Initiative des Dirigenten Simon Rattle und begleitet von den Berliner Philharmonikern studierte Maldoom seinerzeit mit 250 Kindern und Jugendlichen aus Berliner Brennpunkt-Schulen Igor Strawinskis Ballett „Le sacre du printemps“ ein.

Das diese prominent gewordene Arbeit nur ein kleiner Teil vom Schaffen des 68-Jährigen ist, wurde bei der Laudatio von Ivan Liska deutlich. Der Direktor des Bayerischen Staatsballetts, der selbst schon mit Maldoom zusammengearbeitet hatte, sprach von einer „Galionsfigur des Tanzes“. Seit den 80er-Jahren hatte der Brite immer wieder ganz unterschiedliche Menschen zum Tanzen gebracht: Ob Slum-Kinder in Äthiopien oder Strafgefangene in Saarbrücken. Dabei ging es ihm vor allem um den sozialen Aspekt der Kunst.

Für Maldoom ist Tanz nichts Abgehobenes, sondern ein Weg, sich auszudrücken und Menschen zusammenzubringen: „Ich habe in den vergangenen 40 Jahren noch nie jemanden getroffen, der nicht tanzen kann“, sagte Maldoom. Er selbst muss es wissen: Als junger Mann kam er durch einen Zufall zum Ballett, als er mit einer Gruppe Studenten ins Kino ging, wo diese sich einen Tanzfilm anschauen wollten. Er selbst ging nur mit, weil anschließend ein Besuch im Pub versprochen war.

Vor der Preisverleihung sprach der Nürnberger Philosophieprofessor Harald Seubert in seiner Festrede über die Bedeutung von Kindern. Er hielt ein Plädoyer dafür, den Nachwuchs in der gesellschaftlichen Diskussion nicht auf den demografischen Faktor zu reduzieren. Von Maldoom zu lernen heiße: Dass niemand verloren gegeben werden dürfe – schon gar nicht die Kinder.

Hausherr und Intendant Thomas Bockelmann lud den Tanzpädagogen ein, auch in Kassel ein Projekt zu verwirklichen. Über dessen Antwort ist noch nichts bekannt.

Von Bastian Ludwig

Maldoom-Zitate

• Wenn wir zusammen tanzen können, können wir zusammen leben.

• Disziplin bedeutet für mich nicht, andere zu kontrollieren, sondern sie zu befreien. Ohne Disziplin ist es schwer, einen Platz in der Welt zu finden.

• Über den Preis freue ich mich nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Kollegen, die an das Gute des Tanzes glauben. Die meisten arbeiten unentdeckt.

• In der Kunst sind wir stets auf der Suche nach einem neuen Stil. Was mir dabei noch zu oft fehlt, sind die Inhalte. Aber es wird besser.

• Die Jugendlichen wollen, dass wir an sie glauben. Was sie in unseren Projekten bekommen, ist Leidenschaft.

Hintergrund: Preis und Preisträger

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wird seit 1991 jährlich verliehen. Mit ihm werden Politiker, Wissenschaftler und Künstler geehrt, die sich stark um die Maxime der Aufklärung - Vernunft und Toleranz - verdient gemacht haben. Anlass des Preises war die Vereinigung Deutschlands. Verliehen wird der Preis von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Kasseler Bürgerpreises. Die Preisträger der vergangen zehn Jahre waren:

• 2001: Beate Langmaack, Heike Richter-Karst, Kai Wessel und ZDF-Redaktionsteam

• 2002 Prof. Hilmar Hoffmann

• 2003: Hans-Georg Raschbichler, Dieter Spethmann

• 2004: Klaus von Dohnanyi

• 2005: Harald Szeemann

• 2006: Ayaan Hirsi Ali

• 2007: Komitees der Soldatenmütter Russlands

• 2008: Prof. Wladyslaw Bartoszewski

• 2009: Joachim Gauck

• 2010 Ai Weiwei (bal)

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