Glas der Vernunft:

Glas der Vernunft: Habermas als kritischer Aufklärer gefeiert

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Jürgen Habermas

Kassel. Dass ein „FAZ“-Redakteur einmal so eine Lobrede auf ihn halten würde wie am Sonntag am Staatstheater, hatte Jürgen Habermas nicht gedacht, als er 1950 ein Studentenabo der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ abschloss.

Als erster Philosoph bekam der 84-Jährige im voll besetzten Opernhaus den mit 10.000 Euro dotierten Kasseler Bürgerpreis Glas der Vernunft. Der linke Denker, der als wichtigster deutscher Philosoph der Gegenwart gilt, liest das konservative Blatt bis heute. Wenn er im Ausland Urlaub macht, holt er sich die Zeitung stets im nächsten Städtchen. Und nun lobte ihn „FAZ“-Feuilletonchef Nils Minkmar in seiner Laudatio als mutigen Kritiker von Angela Merkel.

Minkmar fragte, warum es im Bundestagswahlkampf nicht um die Euro-Krise, Geheimdienste und den Klimaschutz gegangen sei, sondern stattdessen um den Veggie-Day und die Toleranz von grünen Kommunalpolitikern gegenüber Pädophilen vor 30 Jahren. Mit demselben Recht, so Minkmar, hätte man über die Frage diskutieren können, „ob in Deutschland wieder Wölfe heimisch werden sollen“.

Hoffnung in diesem Wahlkampfsommer des Stillstands hat ihm dann Habermas gemacht, der der Kanzlerin in einem „Spiegel“-Essay „Herumwursteln“ und „klares Versagen“ in wesentlichen Bereichen sowie einen „Opportunismus der Machterhaltung“ vorwarf. Seitdem ist Minkmar klar, dass es doch eine Alternative gibt zu dem „dösenden, geizigen und ängstlichen“ Merkel-Deutschland – nämlich das „hellwache, junge und geistige Deutschland des Philosophen“.

Ohne die schwierigen Begriffe des Habermas-Werks brachte der linke Kritiker von der rechten „FAZ“ so einen wesentlichen Verdienst des Denkers auf den Punkt: Er versteckt sich nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern mischt sich ein.

Zuvor hatte schon Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, Habermas gewürdigt. „Quo vadis Europa?“ hieß sein Vortrag. Er verglich den Kontinent mit einer Schildkröte, die sich nur langsam bewegt und in einem Panzer verschanzt: „Aber sie geht nie rückwärts. Deshalb bin ich optimistisch.“ Die Lehre von Habermas nicht nur für Europa sei Verständigung über Völkergrenzen hinweg.

Glas der Vernunft: Habermas als kritischer Aufklärer gefeiert

Habermas erzählte in seiner Dankesrede, wie er und seine Frau 1959 in Kassel bei der zweiten documenta zum ersten Mal US-Expressionisten begegneten. Und selbstverständlich wurde er politisch und forderte „halbwegs gerechte Lebensverhältnisse“ auch für Arbeitslose, Einwanderer und alleinerziehende Mütter. Andernfalls würde die Gesellschaft zerbrechen. Und er erklärte ganz bescheiden, wer längst das Glas der Vernunft verdient hätte: „Avi Primor wäre der geeignetere Preisträger gewesen heute.“

Von Matthias Lohr

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