Auf die Glasur kommt es an

Kasseler Andreas Erbe verdient seinen Lebensunterhalt an der Töpferscheibe

Kassel. Am Wochenende öffnen bundesweit die Töpferwerkstätten ihre Pforten für Besucher. Das haben wir zum Anlass genommen, um den Töpfer und Keramiker Andreas Erbe in Kassel zu besuchen.

Andreas Erbe sitzt am Fenster seiner Werkstatt an der Töpferscheibe mit Blick auf einen Hinterhofgarten, in dem Schneeglöckchen und Krokusse blühen. Geräuschlos dreht er eine Schale in die Höhe. Das geht in Minutenschnelle. Der feuchte Klumpen Ton wächst unter seinen Fingern zu einem feinwandigen Gefäß.

Um ihn herum gibt es Regale mit Töpferwaren in den unterschiedlichen Aggregatszuständen: lederhart, frisch gebrannt oder bereits farbig glasiert. Mitten im Kassel des 21. Jahrhunderts spielt sich eine Szenerie exakt wie vor 200 und mehr Jahren ab - wenn da nicht der Elektroantrieb der Töpferscheibe wär’.

Andreas Erbe hat einen Beruf erlernt, der so alt ist wie die menschliche Kulturgeschichte. Auch mit seiner eigener Historie hat das Töpferhandwerk zu tun, denn der Mann mit dem blassen Unterlippenbärtchen stammt aus einer Schwälmer Töpferfamilie. Seine Eltern stellen noch heute in Willingshausen traditionelle, mit Blümchen verzierte Keramikware her. Davon will sich Andreas Erbe mit seiner Arbeit bewusst absetzen.

Nach seiner Ausbildung zum Töpfer in Ratzeburg machte er sich bald in Kassel selbstständig und legt nun seine große Leidenschaft in die Entwicklung neuer Glasuren. 200 Rezepturen hat er inzwischen für sich entwickelt, zehn sind die von ihm häufig verwendeten. Geprägt, so sagt er, habe ihn in dieser Hinsicht sein japanischer Lehrmeister. Habe er sich vorgenommen, eine neue Glasur zu kreieren („Grün ist zurzeit sehr gefragt“), dann könne es vorkommen, dass er dafür ein ganzes Jahr Zeit benötigt.

Denn Andreas Erbe hat einen Anspruch an sich: Seine schönen, zeitlosen Töpferwaren sollen den heutigen Notwendigkeiten wie Lebensmittelbeständigkeit und Spülmaschinenfestigkeit nachkommen. Denn: „Ich mache vor allem Gebrauchskeramik.“ Kreativ zu sein, sei deshalb bei allem Traditionsbewusstsein ein Muss. „Man ist nie am Ziel und das ist gut so.“

Erbe liebt seinen Beruf und schwärmt im Gespräch davon, wie gut es sich anfühlt, etwas mit den Händen herzustellen. Die Ruhe und Konzentrationsfähigkeit, die das Töpfern einfordert, merkt man dem 41-Jährigen an. Er wirkt ausgeglichen, zufrieden. Am Wochenende ist der Familienvater von zwei Kindern häufig auf Töpfermärkten, um seine Waren auch an den Mann zu bringen. Dann freut er sich stets wieder auf das stille Arbeiten an der Töpferscheibe.

Seit zweieinhalb Jahren hat Andreas Erbe seine Werkstatt mit den zwei Brennöfen und Verkaufsladen an der Wilhelmshöher Allee 121 / Ecke Gräfestraße. Hier empfängt er die Besucher auch am 8. und 9. März, 10 bis 18 Uhr.

Von Christina Hein

Bilder vom Töpfern

Töpfer Andreas Erbe an der Drehscheibe

Rubriklistenbild: © HNA/Koch

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