Ausstellung im Südflügel des Kulturbahnhofs zur Deportation der Kasseler Juden

Von Gleis 13 in den Tod

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Das Gepäck blieb zurück: Die Aufnahme von der Deportation stammt aus Würzburg. Aus Kassel gibt es keine Bilder.

Kassel. Es war ein Sonderzug der dritten Klasse, der vor knapp 70 Jahren von Gleis 13 des Kasseler Hauptbahnhofs abfuhr. In den Waggons saßen 1025 jüdische Menschen, von denen kaum jemand überlebt hat.

Von Gleis 13 wurden am 9. Dezember 1941, am 1. Juni 1942 und am 7. September 1942 in drei Sonderzügen insgesamt 2500 Männer, Frauen und Kinder deportiert. Sie kamen aus Kassel, Eschwege, Witzenhausen, Guxhagen, Melsungen - dem ganzen Bezirk Kassel. Sie wurden in das jüdische Ghetto von Riga sowie in die Konzentrationslager Majdanek und Theresienstadt deportiert.

Der Weg der Kasseler Juden zur Deportation: Vom Sammellager an der Schillerstraße ging es 1941 zum Hauptbahnhof. Die historische Luftaufnahme mit dem eingezeichneten Weg ist Teil der Ausstellung im Südflügel des Kulturbahnhofs.

Im Südflügel des Hauptbahnhofs, der heute Kulturbahnhof heißt, informiert eine Ausstellung des Stadtmuseums über das Schicksal der Juden aus Kassel und der Umgebung. Sie ergänzt die Wanderausstellung „Sonderzüge in den Tod - Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn“, die noch bis zum 4. September zu sehen ist. (dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei)

Fotos von den Deportationen aus Kassel sind in den einschlägigen Archiven nicht zu finden. Dafür ist der Weg durch die Stadt bekannt, den die 1025 Menschen des ersten Transportes gingen. Sie wurden einen Tag zuvor von der Gestapo in zwei Turnhallen der Bürgerschulen 1 und 2 an der Schillerstraße kaserniert. Dort befindet sich heute die Walter-Hecker-Schule.

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Von dort ging es über die Orleansstraße (heute Erzbergerstraße), über die Bahnhofsstraße (heute Werner-Hilpert-Straße) zum Hauptbahnhof.

40 Grad Kälte

Einer der wenigen Überlebenden berichtete 1946 in einem Brief an Verwandte von dem Transport nach Riga. Das Dokument von Siegfrid Ziering wird in der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) aufbewahrt. Er schrieb: „Am 9.12.41 nachmittags fuhren wir ab. Es waren ungeheizte 3ter Klasse Coupes. Wir fuhren über Berlin, Breslau, Posen, Königsberg, Tilsit und kamen am 12. Dez. 41 in Riga an. Es war 40 Grad Kälte. Das meiste Gepäck ließen wir am Bahnhof auf nimmer Wiedersehen. Bei einem furchtbaren Schneesturm mußten wir ins Ghetto marschieren. Zehn Kilometer ... Wir bekamen zu zehn Personen ein kleines Zimmer und Küche. Die ersten drei Wochen bekamen wir überhaupt keine Verpflegung. An Frieden und Freiheit dachte schon keiner mehr, unser einziger Wunsch war, als Juden zu sterben, und wenn, dann zusammen.“

Der Kasseler Künstler Horst Hoheisel hat 1993 mit einem Mahnmal am Hauptbahnhof an die Schicksale der Deportierten erinnert. Darum geht es heute um 19 Uhr bei einer Gesprächsrunde mit Eva Schulz-Jander (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Kassel) im Südflügel (Eintritt frei).

Mehr zur Verfolgung der Kasseler Juden im Regiowiki unter www.hna.de/wiki

Von Thomas Siemon

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