Göker-Film: Versicherung verklagt Regisseur Klaus Stern

Kassel/Köln. Der Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter“ von Klaus Stern über den ehemaligen Chef des Versicherungsvermittlers MEG, Mehmet Göker, ist überaus erfolgreich. Den meisten hat‘s wohl gefallen - nur der Versicherung Alte Leipziger und deren Tochter Hallesche nicht. Sie verklagten den Filmemacher.

Noch nie sahen in Kassel so viele Menschen einen Dokumentarfilm im Kino. Bundesweit wurden bisher über 18.000 Kinobesucher gezählt. Doch jetzt soll Stern eine Sequenz aus dem Film für immer entfernen - andernfalls drohe ihm sechs Monate Gefängnis oder bis zu 250.000 Euro Strafe. Der Regisseur will sich das nicht gefallen lassen - am Mittwoch wurde vor dem Landgericht in Köln verhandelt.

Es geht um eine Szene, die genau acht Sekunden lang ist. Darin zu sehen: Das Vorstandmitglied der Alten Leipziger und Halleschen, Frank Kettnaker, im Jahr 2008 auf einer Jubel-Veranstaltung der MEG in der Kasseler Stadthalle. Kettnaker steht auf der Bühne und sagt an die Adresse Gökers gerichtet: ...und vielen Dank für Ihren Erfolg, denn ihr Erfolg ist letztlich der Erfolg von uns allen, vielen Dank.“

Kettnacker wird dabei gefilmt - für einen Image-Streifen der MEG. Dass die Sequenz mal Bestandteil eines Dokumentarfilms sein wird, ahnte damals wohl niemand.

Archiv: Der Trailer zu "Versicherungsvertreter"

Kettnaker und seiner Versicherung muss es im Nachhinein aber wohl peinlich sein, in einer kritischen Doku über Göker zu erscheinen. Ende Januar 2012 erließ das Landgericht Köln auf Antrag Kettnakers jedenfalls eine Verfügung, nach der die Sequenz nicht mehr gezeigt werden dürfe.

Klaus Stern schnitt sie raus, um eine juristische Auseinandersetzung zu vermeiden und den Film ins Kino bringen zu können. Gesehen haben die umstrittene Szene somit nur rund 400 Premierengäste in Leipzig und Zuschauer des MDR, der Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm im Fernsehen zeigte.

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Kettnaker und seiner Versicherung reichte das aber nicht. Sie legten nach, verlangten von Klaus Stern eine eidesstattliche Erklärung, dass er die Szene niemals mehr zeigen werde. Der Filmemacher weigerte sich: „Solch eine Haltung kann ich mir nicht leisten. Ich kann mir nicht vorschreiben lassen, was ich bringe und was nicht.“ Kettnaker habe sich nun mal vor Göker verbeugt, das sei eine Tatsache. Seit zwölf Jahren drehe er Filme zu problematischen Themen, sagt Stern. Geklagt habe gegen ihn noch niemand. So hatte der Angeklagte Klaus Stern am Mittwoch vor der 28. Zivilkammer des Kölner Landgerichts seine Premiere. Zwar gab es n noch kein Urteil, aber Stern kann sich große Hoffnung machen, den Prozess zu gewinnen. Die Vorsitzende Richterin Margarete Reske: „Wir neigen dazu, dass Herr Kettnaker die Filmszene hinnehmen muss. Es war ein beruflicher Auftritt bei einem Partnerunternehmen.“

Hier finden Sie eine Sammlung von Göker-Videos

Frank Kettnaker beteuerte vor Gericht, nach seinem Aufritt in der Kasseler Stadthalle „von den Machenschaften tief betroffen“ gewesen zu ein. Er habe danach die Zusammenarbeit mit Mehmet Göker (Richterin Margarete Reske: „Ein paradiesvogelähnlicher Herr“) nach und nach gestoppt. Sofort beenden, so Kettnaker, konnte man die Zusammenarbeit nicht: Die Hallesche hatte über die MEG 4300 Verträge bekommen - Göker habe gedroht, diese dann anderen Versicherungen zuzuschanzen.

Ein Urteil könnte Ende Mai fallen.

Hintergrund

Mit „Gier und überhöhten Provisionen“, so der Kölner Anwalt von Klaus Stern, Boris Rothe, würden die deutschen Versicherungskonzerne um Privatpatienten buhlen. Rothe nennt Beispiele. Mit Mehmet Gökers MEG machten neben der Halleschen auch die Versicherungen Allianz, Axa, Consal, Inter und Central Geschäfte. Sie überwiesen an die MEG im Schnitt für einen neu gewonnenen Kunden 14,4 Monatsbeiträge. Das heißt konkret: Wurde eine private Krankenversicherung mit einem Monatsbeitrag zwischen 500 und 600 Euro abgeschlossen, bekam die MEG von den Versicherungen für diesen einen Vertrag rund 8000 Euro Provision. Zum Vergleich: Die gesetzlichen Krankenkassen, rechnet Anwalt Rothe vor, durften beispielsweise im Jahr 2010 nur maximal 76,65 Euro Provision für ein neues Mitglied zahlen. (tho)

Von Frank Thonicke

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