Früherer MEG-Generalbevollmächtigter bleibt auf freiem Fuß

Göker-Vize muss nicht in Haft: Vincent Ho zu Bewährungsstrafe verurteilt

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Gökers ergebener Vize: MEG-Chef Mehmet E. Göker (links) und sein Generalbevollmächtigter Vincent Ho besuchten im Jahr 2011 die Vorführung des Kinofilms „Versicherungsvertreter“ von Klaus Stern im Kasseler Bali-Kino.

Kassel. Vincent Ho muss nicht ins Gefängnis. Die 18-monatige Haftstrafe gegen den 32-Jährigen, einst rechte Hand des MEG-Chefs Mehmet Göker, wurde auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Außerdem muss der frühere Göker-Vertraute 5000 Euro in die Insolvenzmasse des bankrotten Versicherungsvermittlers zahlen. Seit 2010 läuft das Insolvenzverfahren der MEG AG. 60 Millionen Euro sind weg. Der Göker-Vize, der heute keinen Kontakt mehr zu seinem früheren Chef und Mentor haben soll, lauschte der Urteilsverkündung mit unbewegter Miene. Gelegentlich folgte er den Begründungen des Vorsitzenden Richters Winter mit einem zaghaften Nicken.

Die dritte Strafkammer des Kasseler Landgerichts befand Ho für schuldig. Der damals erst 23-Jährige soll ab September 2009 Datensätze der MEG, deren Abstieg sich bereits abzeichnete, entwendet, für eigene Geschäfte genutzt und weiter verkauft haben. Laut Anklage soll das Duo damit annähernd drei Millionen Euro eingenommen haben. Juristisch gilt das als gewerbsmäßiger Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen.

Als junger Generalbevollmächtigter der MEG habe Ho bedingt vorsätzlich gehandelt, sagte Richter Winter. Dass er nach eigener Darstellung naiv gewesen sei, sich um die wertvollen Daten der Interessenten an privaten Krankenversicherungen keine Gedanken gemacht und seinem Mentor blind vertraut habe, nahmen die drei Berufsrichter und zwei Schöffen der Wirtschaftsstrafkammer dem Angeklagten nicht ab.

Ho, der die aus den MEG-Computern abgezapften Daten in einem privaten Schließfach und seinem Laptop aufbewahrt hatte, habe den Wert der Daten und die Möglichkeit ihrer weiteren Verwendung erkannt und billigend in Kauf genommen. Die Kammer schließe aus, „dass sie gar nicht mehr nachdenken konnten“, sagte Winter zum Angeklagten.

Das überraschend milde Urteil – möglich gewesen wären bis zu fünf Jahre Haft – begründete Winter mit mehreren Gründen, die zugunsten des Angeklagten gewertet wurden. Ho sei als junger und extrem ehrgeiziger Mensch an den falschen Mentor geraten und nicht der Hauptinitiator der Straftaten gewesen. Er sei nicht vorbestraft und in den seither vergangenen Jahren nicht mehr straffällig geworden, habe ein umfassendes Geständnis abgelegt, nicht zuletzt fast sieben Monate in Untersuchungshaft gesessen und zudem ein extrem langes Verfahren erdulden müssen. „Man hätte das Verfahren früher abtrennen können, weil Göker nicht greifbar war“, sagte Winter selbstkritisch.

Der Ex-MEG-Chef, gegen den internationaler Haftbefehl besteht, lebt in der Türkei, wird nicht ausgeliefert und muss sich vermutlich nicht vor der deutschen Justiz verantworten. Das Urteil gegen seinen Vize ist noch nicht rechtskräftig. Ho kann Revision beantragen, sein Urteil auf Rechtsfehler prüfen lassen.

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