Die neue Generation nimmt den Glauben aber mit allen Sinnen wahr

Darum ist Gott für viele religiöse Jugendliche zu einem Butler geworden

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Jugendliche beim Beten. Hochreligiöse junge Menschen, so ein Ergebnis der Studie, sind sich ihres Glaubes gewiss und wollen über ihn reden.

Christliche Jugendliche nehmen den Glauben mit allen Sinnen wahr. Gott ist für sie ein Butler. Das sind zwei Ergebnisse einer Kasseler Studie. Muss sich die Kirche ändern?

Wie leben christliche Jugendliche heute ihren Glauben? Dieser Frage haben sich die Professoren Dr. Tobias Faix und Dr. Tobias Künkler von der CVJM-Hochschule in einer umfangreichen Studie gewidmet. Dazu wurden knapp 3200 junge Leute zwischen 14 und 29 Jahren aus ganz Deutschland befragt. Die Ergebnisse stellen die Wissenschaftler in dem Buch „Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche“ sowie bei einem Fachtag am 6. April in Kassel vor. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Tobias Faix.

Sie haben die Gruppe hochreligiöser Jugendlicher untersucht. Ist das nicht nur eine sehr kleine Gruppe?

Das könnte man meinen. Hochreligiös klingt ja beinahe wie fundamentalistisch. Gemeint ist damit aber nur, dass man damit rechnet, dass der Glaube etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat und Gott beispielsweise Gebete erhört. Den Begriff haben wir dem renommierten Bertelsmann-Religionsmonitor entnommen. Demnach wird – wenn man nur die Christen betrachtet – immerhin jeder siebte Jugendliche in Deutschland als hochreligiös eingestuft.

Zu dieser Gruppe gibt es bisher kaum Forschung.

Ja, das hat uns überrascht. Das hat sicher auch mit der generell sinkenden Religiosität in Deutschland zu tun. Dadurch wurde viel auf die Ränder geschaut: auf diejenigen, die nicht mehr glauben oder an der Kirche zweifeln. Wir haben uns speziell die evangelischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen angeschaut. Neben dem Wunsch, eine Forschungslücke zu schließen, ist unser Interesse an dieser Gruppe auch deshalb groß, weil wir viele hochreligiöse Studierende an unserer Hochschule und generell viele gläubige Jugendliche beim CVJM haben.

Was zeichnet hochreligiöse Jugendlichen heute aus?

Was sich wie ein roter Faden durch unsere Ergebnisse zieht, ist, dass die Jugendlichen gegensätzliche Werte vereinen. Das ist nach den Ergebnissen der Shell-Jugendstudie generell ein Zeichen der heutigen jungen Generation: Sie wollen zum Beispiel viel Sicherheit, aber zugleich viel Freiheit. Dieses „Sowohl-als-auch“ ist bei den hochreligiösen Jugendlichen sogar besonders stark ausgeprägt. Wenn man fragt, warum sie sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren, heißt es: Weil es Spaß macht und weil wir Gott und den Menschen dienen wollen. Warum sie beten? Für sich selbst, aber auch aus Dankbarkeit und für andere in Not.

Es spielt also immer auch ein egoistisches Motiv eine Rolle?

Ein hedonistisches zumindest. Früher waren es vor allem idealistische Werte, mit denen christliches Denken und Handeln in Verbindung stand. Junge Christen heute haben eine doppelte Motivation: Es soll auch Spaß machen und für sie selbst etwas bringen.

Was für ein Gottesbild haben die Jugendlichen?

Auch da zeigt sich die besondere Prägung der Generation: Gott ist eine Art Butler geworden, der mir hilft, besser zu leben. Gott ist Vater, Freund, Hirte und liebevoll. Dieses positive Gottesbild ist erstmal etwas erfreuliches. Auf jeden Fall besser als das Bild, das viele Eltern noch hatten vom zornigen Gott, vor dem man Angst haben muss. Andererseits ist es mir als Theologe zu einseitig, wenn wir zu einer Art Kumpelgott kommen. Mir fehlt dabei, dass Gott auch Autorität ist und Schöpfer – der Herr dieser Welt.

Wie leben die Jugendlichen ihren Glauben?

Dabei spielt Lobpreis, wonach wir die junge christliche Generation benannt haben, eine große Rolle. Das sind im Prinzip Popsongs, bei denen es um den uneingeschränkt guten Gott geht, der mir hilft ein besseres Leben zu führen. Wenn man die Jugendlichen fragt, was ihren Glauben stärkt, nennen sie – das hat uns überrascht – an erster Stelle Lobpreis. Am zweithäufigsten wird das Gebet genannt: 57 Prozent beten mehrmals täglich. Die Bibellektüre hingegen steht erst an sechster Stelle. Jeder vierte hochreligiöse Jugendliche liest täglich in der Bibel. Ob das viel oder wenig ist, ist Interpretationssache.

Was haben sie über die Sexualmoral herausgefunden?

Wir haben die Einstellungen zu Sex vor der Ehe und Homosexualität abgefragt. Ein Drittel der hochreligiösen Jugendlichen hält Sex vor der Ehe für Sünde, und die Hälfte sieht Homosexualität als Sünde an. Das sind hohe Werte im Vergleich zum gesellschaftlichen Mainstream. Fragt man allerdings, was diese Themen für die Gemeinde bedeuten, bietet sich ein anderes Bild: Nicht einmal zwei Prozent sind der Meinung, dass Homosexuelle aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollten. Wie die Jugendlichen selbst Sexualität leben, haben wir nicht gefragt. Aber man kann davon ausgehen, dass sie im Privaten nochmal offener sind.

Was bedeuten die Erkenntnisse für die Kirche und speziell die kirchliche Jugendarbeit?

Lobpreis ist die Liturgie der Jugend. In ihrer Art der christlichen Musik fühlen sie sich geborgen und spüren sich selbst und Gott. In traditionellen Gottesdiensten finden Jugendliche das aber nicht. Hier ist die Kirche aufgerufen, Angebote zu machen, die auch die junge Generation ansprechen. Generell ist der evangelische Glaube sehr verkopft und reflektiert. Das Körperliche ist eher verkommen. Die neue Generation nimmt den Glauben aber mit allen Sinnen wahr. Hier muss Jugendarbeit sinnlicher und erlebnispädagogischer werden. Klar ist auch, dass Jugendliche selbst mitgestalten wollen und nicht nur dabei sein. Früher war Mitgliedschaft wichtig, heute geht es um Teilhabe.

Hat das auch Bedeutung für die Kirchenmitgliedschaft?

Es sieht ganz danach aus. Zum Teil wussten die Jugendlichen in den Interviews gar nicht genau, zu welcher Kirche sie eigentlich gehören. Sie mussten erst nachfragen. Jeder Zweite geht in mehrere Gottesdienste, über unterschiedliche Konfessionen und Denominationen hinweg. Wir nennen das mit einem Augenzwinkern das „Schengener Abkommen der Konfessionen“, nach dem Motto: Ich kann überall hingehen und mir holen, was ich brauche. Die Mitgliedschaft in einer bestimmten Kirche ist trotz des starken Glaubens nicht mehr so identitätsstiftend. Für die Kirche ist das eine große Herausforderung, weil an der Mitgliedschaft auch die Kirchensteuer hängt.

Ist die „Generation Lobpreis“ in unserer zunehmend weltlich orientierten Gesellschaft vom Aussterben bedroht?

Nein. Hochreligiöse Jugendliche wollen zwar nicht missionieren, aber sie wollen über ihren Glauben reden. Sie laden Freunde zu Veranstaltungen ein, an denen auch sie Spaß haben. Sie sind sich ihres Glaubens gewiss und selbstbewusst, ohne übergriffig zu werden. Ich glaube, das hat eine große Strahlkraft.

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Tagung im Haus der Kirche

Der Fachtag unter dem Titel „Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche“ findet am Samstag, 6. April, von 9 bis 17 Uhr im Haus der Kirche statt, Wilhelmshöher Allee 330. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und der CVJM (Christilicher Verein Junger Menschen) Deutschland laden dazu ein. Bei der Tagung werden die beiden Autoren Tobias Faix und Tobias Künkler zunächst die wichtigsten Erkenntnisse der Studie vorstellen. Am Nachmittag können die Teilnehmer einen von zehn Workshops auswählen, in denen die Ergebnisse praktisch für die christliche Jugendarbeit umgesetzt werden. Unter anderem wird CVJM-Generalsekretär Hansjörg Kopp die Frage behandeln, was die Ergebnisse speziell für den CVJM bedeuten.

Die Teilnahme an der Tagung kostet 35 Euro, für Nichtverdiener 25 Euro. Im Preis sind das Buch und ein Mittagessen enthalten. Anmeldung unter www.cvjm.de/fachtag

Das Buch: Tobias Faix, Tobias Künkler: Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche – Das Buch zur empirica Jugendstudie 2018. Neukirchener Verlag, 2018. 30 Euro.

Das ist Tobias Faix

Tobias Faix (49) ist seit 2015 Professor für Praktische Theologie an der CVJM-Hochschule in Kassel. Dort leitet er mit Prof. Dr. Tobias Faix auch das Forschungsinstitut „empirica“ für Jugend, Kultur und Religion sowie den Masterstudiengang „Transformationsstudien: Öffentliche Theologie & Soziale Arbeit“. Gebürtig aus Mannheim, studierte er Theologie in Deutschland, den USA und Südafrika. Er ist verheiratet und zwei Töchter. Die Familie lebt in Marburg.

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