Gottesdienstbesucher müssen sich warm anziehen

Künftig bleibt die Kirche kalt: Heizungen müssen wegen Corona ausgestellt werden

Für kuschelige Wohnzimmer-Temperaturen sind Kirchen im Winter ohnehin nicht bekannt. In dieser Saison wird es in den meisten Gotteshäusern in der Region aber noch deutlich kälter als sonst. Denn als eine Folge der Corona-Pandemie darf während Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen nicht mehr geheizt werden – jedenfalls in der überwiegenden Zahl der Kirchen.

Sowohl Evangelische als auch Katholische Kirche haben ihre Gemeinden dazu aufgefordert, die Heizungen spätestens eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst auszuschalten. So sollen thermisch bedingte Luftbewegungen im Kirchenraum vermieden werden. Denn durch Wärmequellen entstehen Luftströme. Dadurch könnten auch Aerosole, die als Übertragsweg der Corona-Infektion gelten, leichter durch den Raum transportiert werden.

Die Empfehlung zum rechtzeitigen Abstellen gilt für alle Heizungen, die Wärme an einzelnen Stellen in den Raum einbringen. Darunter fallen auch sogenannte Unterbankheizungen. Ausgenommen sind flächige Fußbodenheizungen. Diese gibt es jedoch nur in wenigen Kirchen. Das bedeutet, dass die meisten Kirchenbesucher sich bei kalten Temperaturen für den Kirchgang warm anziehen sollten. Zudem sollen Gottesdienste, wie die Evangelische Kirche mitteilt, verstärkt in verkürzten Formaten gefeiert werden.

Durch die Coronaregeln dürfen die Kirchen derzeit ohnehin nur spärlich besetzt werden. Das wird auch für Weihnachten gelten – wenn unter normalen Bedingungen die Gotteshäuser aus allen Nähten plätzen. Wie der Andrang zu regeln ist, hat sich die Evangelische Südstadtgemeinde bereits überlegt. Dort melden sich Besucher vorab für die Weihnachtsgottesdienste an. „Wir müssen die Personenzahlen irgendwie koordinieren“, sagt Pfarrerin Petra Fuhrhans. Das Schlimmste wäre, an Heiligabend Menschen abweisen zu müssen. Deshalb gibt es am 24. Dezember gleich drei Gottesdienste in der Markuskirche und parallel jeweils eine Christvesper im Johannessaal.

Viele katholische und evangelische Gemeinden planen auch Gottesdienste im Freien oder mit verschiedenen Stationen im kleinen Kreis. „Es wird eine Vielfalt an Formaten geben“, stellt der Evangelische Stadtdekan Dr. Michael Glöckner in Aussicht, „aber gewiss nicht: die rappelvolle Kirche und gemeinsamen Gesang.“ Trotz aller Unsicherheiten und Einschränkungen stehe fest: „Weihnachten findet statt.“

Was die neuen Vorgaben zum Heizen betrifft, will Pfarrer Dr. Willi Temme von der Martinskirche pragmatisch mit der Situation umgehen. So werde er bei kalten Temperaturen auch männlichen Gottesdienstbesuchern, die ihre Kopfbedeckungen in der Kirche traditionell abnehmen, ermuntern, Mützen und Hüte aufzubehalten. Über den Kopf verliere man schließlich am meisten Wärme. Zum Glück könne man sich mit warmer Kleidung ja gegen Kälte wappnen. „Unter allen Corona-Kalamitäten ist das noch das Geringste“, sagt Temme über die neuen Einschränkungen beim Heizen. Dass der Gemeindegesang aufgrund der Pandemie wegfalle, bedeute einen wesentlich größeren Eingriff in das gottesdienstliche Leben. Von Vorteil für die Situation in St. Martin sei, dass wegen der empfindlichen Orgel auch wochentags eine stabile Grundtemperatur herrschen müsse. Dadurch kühle es nicht so stark herunter wie in anderen Kirchen.

Pfarrer Peter Bulowski von der katholischen Kirche St. Elisabeth am Friedrichsplatz blickt mit Respekt auf die Heizsaison: „Das wird ein kompliziertes Management“, sagt er. So habe man an Sonntagen bis zu vier Gottesdienste in St. Elisabeth. Dazwischen müsse man nun lüften, wieder aufheizen und dann die Heizung wieder abstellen. Mit Beginn der Kälteperiode gelte es nun, Erfahrungen zu sammeln, sagt Bulowski.

Normalerweise heize man die Kirche für die Messe auf etwa 16 Grad auf. Je nach Außentemperatur werde es nun deutlich herunterkühlen, sobald die Heizung abgestellt ist. Kulturveranstaltungen seien im November ohnehin nicht möglich, sagt Bulowski. Aber auch nach dem Lockdown sei es fraglich, ob man Konzerte anbieten könne. „Mit frierendem Publikum und frierenden Musikern geht das nicht.“

Der Organist der Gemeinde habe bereits angefragt, ob ein Wärmestrahler an der Orgel aufgestellt werden könne, damit die Finger während der Gottesdienste nicht klamm werden, berichtet der katholische Pfarrer. Das wolle man nun prüfen. „Klar ist, dass es nichts mit Gebläse sein darf.“ Notfalls blieben nur Wollhandschuhe ohne Finger.

Eine der glücklichen Gemeinden, die ihre Heizung laufen lassen dürfen, ist die evangelische Erlöserkirche in Harleshausen. Dort gibt es eine Fußbodenheizung. „Dadurch wird es uns sicher nicht so massiv treffen wie andere“, sagt Pfarrerin Sabine Kresse. Allerdings sei noch unklar, ob die Heizkörper an den Seiten des Kirchenschiffs ebenfalls durchgehend genutzt werden dürfen. Wenn nicht, werde man auch in Harleshausen bei der Temperatur Abstriche machen müssen, sagt Kresse. „In jedem Fall empfiehlt es sich, eine warme Jacke mitzunehmen.“

Von Katja Rudolph

Dick einmummeln: Pfarrer Dr. Willi Temme wird Gottesdienstbesucher in diesem Winter auch ermuntern, in der Martinskirche ihre Mützen aufzubehalten.

Rubriklistenbild: © Andreas Fischer

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