Großvater starb im März 1933

Am Grab von Opa Ahron: Jüdische Familie aus Israel auf Spurensuche in Kassel

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So sah Kassel vor der Zerstörung aus: Ahron Landsmann wohnte am Steinweg, der eine schmale Straße zwischen den Häuserfronten war. Zur Orientierung dienten das Naturkundemuseum und der Zwehrenturm.

Kassel. Es ist ein Moment der Stille und der Andacht an diesem sonnigen Morgen auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen. Der 70-jährige Yehuda Landsmann spricht auf Hebräisch ein Gebet für einen Menschen, den er nie kennen gelernt hat und dem er sich doch verbunden fühlt.

Fast auf den Tag genau vor 81 Jahren starb sein Großvater Ahron Leib Landsmann in Kassel. Für diesen Augenblick haben Yehuda Landsmann und sein Sohn David eine lange Reise von Israel nach Deutschland auf sich genommen.

Mehr zum Jüdischen Friedhof lesen Sie auch im Regiowiki der HNA.

Der Kontakt nach Kassel kam über den 41-jährigen David zustande, der in der israelischen Behinderteneinrichtung Kvar Tikva lebt. Für die setzt sich seit Jahren die Deutsch-israelische Gesellschaft (DIG) ein. „David hat immer erzählt, dass sein Urgroßvater in Kassel auf dem Friedhof begraben ist“, sagt Esther Haß, die mit der DIG schon mehrfach die Einrichtung besucht hat. Jetzt wolle man versuchen, der Familie Landsmann dabei zu helfen, etwas mehr über ihre Wurzeln zu erfahren.

Da gibt es einiges aufzuarbeiten. „Mein Vater ist sehr früh gestorben und hat nie über seine Vergangenheit in Deutschland geredet“, sagt Yehuda Landsmann. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis im März 1933 habe ihn seine Mutter gedrängt, das Land zu verlassen. Das habe ein Onkel erzählt, der ebenfalls nicht mehr lebt.

Adresse bekannt

Mit der Unterstützung des Kasseler Stadtarchivs kann man zumindest den letzten Wohnort von Ahron Leib Landsmann nachvollziehen. Im Adressbuch von 1932 ist der Kaufmann als wohnhaft in Kassel, Steinweg 18, 2. Stock, eingetragen. Im selben Haus wohnte auch ein Karl Landsmann, der einen Textilversand betrieb.

Gedenken auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen: Esther Haß, David (41) und Jehuda (70) vor dem Grab von Ahron Leib Landsmann.

Das Haus am Steinweg wurde im Krieg zerstört. Die Straße ist heute viel breiter als früher und hat einen anderen Verlauf. Dort, wo damals das Haus mit der Nummer 18 stand, befindet sich heute der obere Teil des Busparkplatzes vor dem Naturkundemuseum Ottoneum.

Ahron Leib Landsmann wurde 66 Jahre alt. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen ist eines von 3000. Hier liegt auch der Anwalt Max Plaut begraben, der im März 1933 so brutal misshandelt wurde, dass er wenige Tage nach den Übergriffen starb.

Yehuda Landsmann war das erste Mal in Kassel, will aber wiederkommen. „Meine Tochter lebt in Potsdam, da bin ich ohnehin häufiger in Deutschland“, sagt er. Vielleicht, so seine Hoffnung, gibt es ja noch Menschen, die seinen Großvater gekannt haben.

Von Thomas Siemon

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