Grab für Sternenkinder auf Kasseler Hauptfriedhof

Beisetzung für totgeborene Babys: 600 Bestattungen in zehn Jahren

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Würdiger Ort für die Trauer: Am westlichen Rand des Kasseler Hauptfriedhofs in der Nordstadt befindet sich ein Urnen-Gräberfeld, wo seit zehn Jahren Fehlgeburten und totgeborene Kinder bestattet werden können.

Kassel. Seit zehn Jahren gibt es am Westrand des Kasseler Hauptfriedhofs eine Grabfläche für Frühgeburten. Das eingefasste Feld ist mit Gegenständen dekoriert, die darauf hinweisen, dass hier um kleine Kinder getrauert wird: Windräder, Spielsachen und viele kleine Engelfiguren sind in dem gepflegten Grün der Pflanzen zu erkennen.

Seit 2002 wurden hier 600 totgeborene Babys beigesetzt. Mütter, Väter und Angehörige haben außerdem die Möglichkeit, im Rahmen von drei mal jährlich stattfindenden Trauerfeiern von ihren Kindern Abschied zu nehmen.

„Es fällt auf, wie stark das kostenlose Angebot von den Familien angenommen und wertgeschätzt wird“, sagt Friedhofsleiter Jürgen Rehs.

Vor zehn Jahren hat eine Gruppe, die unter anderem aus Ärzten, Klinikseelsorgern, und Friedhofsverwaltung bestand, die Idee der Berliner Charité übernommen, den Abschied von Fehl- und Totgeburten würdevoll zu gestalten.

Bis 2002 gab es für Kinder bist zu einem Gewicht von 500 Gramm keine Bestattungspflicht, erklärt Klinikpfarrerin Gundula Goldbach-Bolz. „Sie wurden in den Kliniken wie entnommene Organe behandelt, nicht als Menschen. Sie wurden entsorgt“, sagt Gemeindereferentin und Klinikseelsorgerin Regina Gries: „Für viele ein unerträglicher Gedanke.“ Da sich der Kasseler Friedhof in christlicher Trägerschaft befindet, sei es ein besonderes Anliegen gewesen, hier Abhilfe zu schaffen“, sagt Goldbach-Bolz.

Vorher war da ein Vakuum. „Es gab ja keinen Ort, kein Ritual für die Trauer“, sagt Diakonin Gabriele Blumenstein.

Seitdem hat sich viel geändert. In den Kliniken gibt es inzwischen sogenannte Moses-Körbchen, in die die toten Kinder hineingelegt und mit Seidentüchern zugedeckt werden. Später werden die toten Kinder, die in Kassel als „Sternenkinder“ bezeichnet werden, in einer Urne auf dem Hauptfriedhof beigesetzt.

Für die Angehörigen gibt es in der Trauerhalle des Hauptfriedhofs ökumenische Trauerfeiern. „Die toten Kinder sind nicht getauft, aber wir können sie segnen“, sagt Blumenstein. Für nichtchristliche Familien besteht die Möglichkeit, Rituale und Texte aus der eigenen Religion einzubringen. Auf Wunsch können muslimische Frühchen auf dem entsprechenden Gräberfeld auf dem Westfriedhof beigesetzt werden. Grundsätzlich bestehe die Möglichkeit einer individualen Beisetzung, die dann jedoch bezahlt werden muss.

80 Prozent der Betroffenen nehmen das Angebot der Trauerfeier dankbar an, sagt Goldbach-Bolz. Die Resonanz sei sehr positiv. „Die Beisetzung und Gemeinschaft stiftenden Rituale helfen vielen ihre Trauer um die verlorenen Kinder zu bewältigen.“

Ein neuer Flyer der Klinik- und Krankenhausseelsorge bietet Informationen und Adressen für betroffene Eltern: Initiative Regenbogen, Tel. 0561 / 9 58 21 12.

Die nächste ökumenische Trauefeier: Freitag, 2. November, 14 Uhr, Trauerhalle, Tannenheckerweg 6.

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