Fürst ließ alten Baum fällen

Grabanlage an Kasseler Lutherkirche seit Jahren vernachlässigt: Tut sich jetzt was?

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Kassel. Tut sich jetzt endlich etwas an der Grabstätte des letzten Kasseler Kurfürsten, das schon seit Jahren vernachlässigt worden war?

In jedem Fall wurde ein stark geschädigter Baum auf dem Gelände des Kurfürstengrabes zwischen Lutherkirche und der Kurfürstengalerie gefällt und zersägt. Nun sind die Kasseler gespannt, ob weitere Pflegearbeiten an der seit Jahrzehnten stark vernachlässigten historischen Grabstätte folgen werden.

Die Stadt zeigt sich laut Sprecher Ingo Happel-Emrich erst einmal erfreut, dass der letzte Nachkomme des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I., Philipp von Hanau, diese Pflegearbeiten veranlasst hat, weil ein Baum kaputt war, wie der Prinz auf Anfrage der HNA bestätigte. Die Stadt stand seit längerer Zeit mit dem Fürstenhaus in Kontakt mit der dringlichen Bitte, sich um das Grabmal zu kümmern. Ob weitere Pläne bestehen, ließ sich der Fürst jedoch nicht entlocken.

Gleich mehrere Vorfahren des Prinzen von Hanau, der teilweise in Bayern und auf einem Schloss in Kärnten (Österreich) lebt, liegen in der kurfürstlichen Ruhestätte begraben, darunter Wilhelmine Karoline von Dänemark, spätere Kurfürstin von Hessen. Die Großmutter des letzten Kurfürsten sei bei der Bevölkerung sehr beliebt gewesen, schildert Dr. Christian Presche, Historiker und zweiter Vorsitzender des Geschichtsvereins. Übrigens hatte Karoline eine enge Verbindung zur Familie der Brüder Grimm, war doch Henriette Zimmer, die fürsorgliche Tante der berühmten Germanisten, die erste Kammerfrau der Kurfürstin. Sie stellte damals die Kontakte der Brüder Grimm zum Fürstenhof her.

So sah das Kurfürstengrab um 1900 aus: Eine Postkarte aus dieser Zeit zeigt die Anlage mit den drei Grabplatten, die damals noch umzäunt war.

Auch das Grab des berühmten Architekten Heinrich Christoph Jussow, der Baumeister von Löwenburg und Teufelsbrücke, verkümmert seit vielen Jahren auf diesem Areal. „Es wäre unbedingt zu wünschen, dass endlich eine langfristige tragfähige Lösung für das gesamte Gelände gefunden wird“, mahnt Presche. Denn sowohl die Ruhestätte des Kurfürsten als auch die von Jussow sind Ehrengräber der Stadt Kassel.

Das Besondere an den Fürstengräbern sei zudem, dass Mitglieder der fürstlichen Familie sich nicht mehr in eigenen Grüften bestatten ließen, sondern auf dem Altstädter Friedhof neben den Bürgern der Stadt. Presche: „Das zeugt von einem Wandel in der Selbsteinschätzung und in der Begräbniskultur und ist ein Stück hessische Geschichte.“ Um diesen besonderen Ort mitten in der Stadt hatte sich vor einigen Jahren mit Einverständnis des Fürsten von Hanau eine Initiative von Kasseler Bürgern, darunter der Geschichtsverein und die Freunde des Stadtmuseums, gekümmert. So wurden mit Spendenmitteln das Eingangstor und die Sanierung der Mauer finanziert, und freiweilliger Helfer reinigten die Grabplatten . Eine Weile hatte hier das städtische Umwelt- und Gartenamt noch das Gras gemäht.

Seitdem gammelt das Denkmal wieder vor sich hin: In Karolines Mausoleum sammelt sich Müll, und das Gelände sieht verwildert aus.

Hintergrund: Altstädter Grabanlage

Am Rande des ehemaligen Altstädter Friedhofs an der Lutherkirche befindet sich die umzäunte fürstliche Grabanlage mit dem von Heinrich Christoph Jussow entworfenenen Mausoleum der Kurfürstin Wilhelmine Karoline (1747-1820, Ehefrau von Kurfürst Wilhelm I., der in der Löwenburg bestattet ist) . In den drei Flachgräbern sind folgende Mitglieder der Fürstenfamilie begraben: Karolines Enkel Kurfürst Friedrich Wilhelm I. (1802-1875, Sohn Wilhelms II.), der nach dem Deutschen Krieg 1866 von Preußen abgesetzt wurde, als Kurhessen von Preußen annektiert wurde. Dessen Mutter, Prinzessin Auguste von Preußen (1780-1841), Tochter von König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, und eine beliebte Förderin von Kunst und Wissenschaft. Sowie deren Tochter Karoline (1799-1854). Daneben befindet sich das Grab von Heinrich Christoph Jussow (1754-1825). 

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