14 000 entzifferte Einträge

Datenbank zum Besucherbuch des Museums Fridericianum steht online

Vor der Zerstörung im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs: Blick in die Bibliothek im Fridericianum. Fotos: Stadtmuseum/Uni-Bibliothek

Kassel. Manchmal, gesteht Dr. Andrea Linnebach, habe sie ihre Aufgabe verflucht. 14 000 Einträge im Besucherbuch des Kunsthauses im Ottoneum und des Fridericianums von 1769 bis 1796 hatte sie in den vergangenen Jahren zu erschließen.

Das heißt: die Namenszüge zu entziffern, sie zu transkribieren und möglichst weitere Informationen zur Person zusammenzutragen. „Aber es gab auf jeder Seite so einen spannenden Fall, dass es sich gelohnt hat“, schaut die Kunsthistorikerin zurück.

Jetzt ist das vollständig digitalisierte, kommentierte Besucherbuch über das Online-Archiv der Bibliothek der Kasseler Universität verfügbar. Mit der Datenbank ist das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) „Das Museum Fridericianum als ein Ziel von Bildungs- und Forschungsreisenden der europäischen Aufklärung“ abgeschlossen.

„Es ist erstaunlich, in welch hohem Maße sich die europäische Gelehrtenwelt im Fridericianum die Klinke in die Hand gedrückt hat“, sagt Linnebach. Von vielen Besuchern wusste man bislang nichts. Es kamen, teils inkognito, der Hochadel, etwa der schwedische König, der bedeutende französische Bildhauer Jean-Baptiste Pigalle, Wilhelm von Humboldt, Johann Gottfried Herder, der Physiker Alessandro Volta, Izabela Fürstin Czartoryski, die das polnische Nationalmuseum gründete, oder Johann Jacob Schweppe, aus Witzenhausen stammender Goldschmied und Begründer der ersten Mineralwassermarke der Welt („Schweppes“) sowie britischer Hoflieferant. Dazu Vertreter von Diplomatie und Klerus, Bürgersfrauen und Mätressen, Friseure, Soldaten, Schüler, Handwerker und Diener, der Hofgärtner aus Bad Pyrmont wie die Bäcker, die mit der preußischen Armee reisten. Die Stände mischten sich, das ging „querbeet durch die ganze Bevölkerung“, sagt Linnebach. Auch viele Kasseler trugen sich ein: „Eine Fülle von interessanten Biografien.“ Große Geschichte spiegelt sich im Kleinen: 1789 begegneten sich im Besucherbesuch sozusagen der emigrierte französische Hochadel, Revolutionäre und preußische Truppen auf dem Weg zum Rhein.

Bei 95 Prozent ist es Linnebach gelungen, verschnörkelte Schriftzüge, Abkürzungen, Standesbezeichnungen zu entschlüsseln. Anders als bei Brief-Editionen musste sie sich praktisch Zeile für Zeile auf eine andere Handschrift einstellen, die meisten auf Französisch, der Sprache der Gebildeten, manche auf Latein: „Das war wirklich sehr schwierig und mühselig.“ Auch Scherzeinträge gab es, wie einen Heinrich Friedrich Graf von Kamtschatka, Landkomtur auf Nowazembla.

Der Anteil der Frauen stieg von acht Prozent im Ottoneum auf bis zu 15 im Fridericianum. Immerhin - denn Gelehrtengesellschaften waren Frauen noch verschlossen.

In Kassel erlebten die Besucher, wie Bildung jedermann offenstand. Das Fridericianum hatte eine Vorbildfunktion. Viele Adelige bekamen hier den Anstoß, selbst ihre Bibliotheken zu öffnen und die bisherigen „Kunstkammern“ zu Museen zu entwickeln.

Von Mark-Christian von Busse

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