Nutzer soll Herr über seine Daten bleiben

Gratis-Apps haben ihren Preis - Uni arbeitet an Schutz

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Kostenlose Apps fürs Smartphone haben oft einen Nachteil: Wer die Programme nutzt, der gibt - ohne dass er es merkt - häufig persönliche Daten preis.

Kassel. Dienstbare Geister im Smartphone erleichtern dem Nutzer den Alltag. Die sogenannten Apps weisen in Sekundenschnelle den Weg zur Lieblingspizzeria.

Sie zeigen an, wo der Autofahrer die preisgünstigste Tankstelle findet. Doch obwohl viele dieser Apps kostenlos angeboten werden, zahlt der Nutzer einen hohen Preis: Der Anbieter sammelt persönliche Daten über Verhaltensmuster und Vorlieben des Smartphone-Besitzers, eine wertvolle Ware, die sich auf dem Werbemarkt versilbern lässt.

Carsten Ochs

Dieser unkontrollierte Abfluss häufig höchst privater Daten und der damit einhergehende Verlust von Privatsphäre könnten sich mit der technischen Weiterentwicklung mobiler Kommunikationsformen noch verstärken, sagt Prof. Dr. Alexander Roßnagel, Leiter des Fachgebiets Öffentliches Recht an der Universität Kassel.

Er bereitet zusammen mit Prof. Jörn Lamla, Leiter des Fachgebiets Soziologische Theorie, weiteren Kasseler Forschern und Wissenschaftlern der Technischen Universität Darmstadt ein Graduierten-Kolleg vor, das Forschungsbeiträge für eine Sicherheitsarchitektur mobiler Kommunikation liefern und Nachwuchswissenschaftler auf diesem Gebiet qualifizieren soll.

„Das Ziel ist, dass der Nutzer die Herrschaft darüber behält, welche Informationen er von sich preisgeben will“, erklärt Prof. Roßnagel.

Momentan habe der Nutzer eines mobilen Geräts bei der Verwendung einer App häufig nicht die Möglichkeit zu erkennen, in welchem Umfang seine Daten abgesaugt werden. Beispielsweise könne es bei Verwendung einer App, die das Smartphone zur Taschenlampe oder einer Wasserwaage umfunktioniere, passieren, dass der Anbieter unbemerkt das elektronische Telefonbuch des Nutzers kopiere, um diese Daten zu verkaufen, erklärt Prof. Roßnagel.

„Die Strukturen sind undurchsichtig. Oft hat der Nutzer keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob er bestimmte Informationen weitergeben will. Dies wird ihm vom Anbieter der App abgenommen“, sagt Dr. Carsten Ochs, Soziologe und Mitarbeiter von Prof. Lamla.

Jörg Lamla

Das Problem sei nicht auf Smartphones beschränkt, erklärt Prof. Roßnagel: Sensoren in der Kleidung können etwa ständig die Gesundheitsdaten von Patienten überwachen und via Internet weitergeben. „Doch wer garantiert mir, dass diese Daten nur der Arzt meines Vertrauens erhält“, fragt der Wissenschaftler.

Das Kolleg soll Wege aufzeigen, den Datenfluss so zu gestalten, dass Privatheit und Vertrauen der Nutzer nicht beeinträchtigt werden. Dazu werde man sich auch nach Vorbildern in anderen Bereichen umschauen, beispielsweise in der Medizin oder im Verbraucherschutz, sagt Ochs.

Vier Millionen Euro Förderung

Alexander Roßnagel

Das Graduiertenkolleg beginnt im Oktober und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im ersten Durchgang mit etwa vier Mio. Euro gefördert. Das Kolleg ist auf neun Jahre angelegt und soll 30 Doktoranden die Chance bieten, eine Doktorarbeit zu schreiben. Drei weitere Wissenschaftler können sich bei der Mitarbeit im Kolleg habilitieren. Die Doktorandenstellen werden europaweit ausgeschrieben, zwei für die Uni Kassel, acht für die TU Darmstadt. Nach drei Jahren sollen die ersten zehn Doktorarbeiten vorliegen. Dann entscheidet die DFG über die Weiterführung des Kollegs. Beteiligt sind Rechtswissenschaftler und Soziologen der Uni Kassel sowie Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker der TU Darmstadt.

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