Vermieter unterstellte Frau, Sozialbetrug zu begehen

Gratzer (AfD) zeigte Mieterin an - Polizei und Sozialamt eingeschaltet

Vermieter und AfD-Politiker: Dieter Gratzer.

Kassel. Nachdem sich Mieter darüber beschwert haben, dass Hausbesitzer Dieter Gratzer, Fraktionsvorsitzender der Kasseler AfD, sie aus der Wohnung mobben wolle, um Platz für Flüchtlinge zu schaffen, hat sich die Tochter einer weiteren Mieterin gemeldet.

Gratzer habe ebenfalls mit vielen Mitteln versucht, ihre Mutter loszuwerden.

Als Dieter Gratzer die beiden Mehrfamilienhäuser an der Frankfurter Straße 163 und 165 im Sommer 2015 gekauft hat, sei ihre Mutter zunächst richtig glücklich gewesen, sagt eine 23-jährige Frau. „Meine Mutter rief mich an und sagte mir, der neue Vermieter sei so nett und hilfsbereit. Er wolle auch das Haus verschönern.“

Die 23-Jährige war im Jahr 2010 mit ihrer Mutter in die Vier-Zimmer-Wohnung (78 Quadratmeter) gezogen. Aufgrund des Zustands der Wohnung (zum Beispiel alte Nachtspeicheröfen) zu einem sehr günstigen Mietpreis. Die Miete habe 350 Euro warm betragen, sagt die 23-Jährige. Deshalb blieb ihre Mutter auch in der Wohnung, als die Tochter vor zweieinhalb Jahren auszog, nachdem sie geheiratet hatte.

Am 28. Oktober 2015 schrieb Gratzers Anwalt der Mieterin einen Brief, in dem er die Sanierungsarbeiten für 2016 ankündigte. Danach sollte die Frau nach der Sanierung knapp 200 Euro Miete mehr im Monat zahlen.

Zwei Tage später bekam die 69-Jährige erneut Post von Gratzers Anwalt. Ziemlich unerfreuliche. Darin teilte er mit, dass er in Gratzers Auftrag eine Strafanzeige gegen sie wegen des Verdachts des Sozialleistungsbetrugs erstattet habe. In dem Brief hieß es, dass die Mieterin Sozialleistungen für sich und ihre Tochter beziehe. Neben dem Regelsatz würden der Frau die Mietkosten erstattet. Dabei lebe die Tochter gar nicht mehr in der Wohnung. Deshalb stünden der Frau auch nur 50 Quadratmeter Wohnfläche zu, so Gratzers Anwalt.

Das Sozialamt der Stadt Kassel sah das anders. Nach Angaben von Michael Schwab, Sprecher der Stadt, sei die Mietzahlung für eine Einzelperson angemessen. Der Grenzwert für einen Ein-Personenhaushalt für Grundmiete inklusive Betriebskosten liegt bei 373,50 Euro. Auch die Staatsanwaltschaft Kassel konnte nicht feststellen, dass die Frau betrogen hat. Das Verfahren gegen die 69-Jährige sei deshalb eingestellt worden, so Staatsanwältin Verena Bring.

Die Tochter der Frau setzte sich mit Gratzer in Verbindung. Am Telefon habe er zu ihr gesagt, dass er in der Wohnung der Mutter fünf Leute unterbringen könne, sagt die junge Frau. Erst im Nachhinein habe sie realisiert, dass Gratzer damit Flüchtlinge gemeint habe. Wiederholt hätten sie und ihr Mann beobachtet, wie Gratzer auf dem Hof der benachbarten Unterkunft im ehemaligen Kinderkrankenhaus Park Schönfeld Flüchtlinge angesprochen habe. Und ihre Mutter, eine Iranerin, habe natürlich auch mit den Flüchtlingsfamilien, an die Gratzer bereits Wohnungen vermietet hat, gesprochen.

Gratzer habe immer wieder versucht, in die Wohnung ihrer Mutter zu gelangen, um dort Mängel festzustellen, sagt die 23-Jährige. Schließlich habe er ihr gesagt, dass es ihm 3000 Euro wert wäre, wenn ihre Mutter ausziehe. Das Angebot habe man nicht angenommen.

Gratzer hat auch am Montag nicht auf die Anfrage der HNA reagiert. Zwischen vergangener Woche Donnerstag und Montagmorgen haben wir drei Anfragen an den Kasseler AfD-Fraktionsvorsitzenden und seinen Anwalt geschickt. Antworten gab es bislang keine.

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