Grimm-Gesellschaft arbeitet künftig ohne Museum

An der Spitze der Grimm-Gesellschaft: Dr. Bernhard Lauer (links) und Dr. Werner Neusel sind Grimm-Lobbyisten mit Leib und Seele. Foto: Hein

Kassel. Es war die Brüder- Grimm-Gesellschaft, die Kassel vor zehn Jahren das erste Welterbe-Prädikat beschert hat.

Der Verein der Grimm-Lobbyisten hatte den Antrag gestellt, die Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen in das Unesco-Weltregister „Memory of the World“, das Weltdokumentenerbe, aufzunehmen. Nur sechs Monate später kam aus Paris die Zusage.

„Dass alles so schnell ging, hat sicher auch etwas mit der Reputation des Antragstellers, der Grimm-Gesellschaft, zu tun“, sagt Dr. Bernhard Lauer. Der langjährige Leiter des Kasseler Brüder-Grimm-Museums ist seit 1991 der Geschäftsführer des Vereins.

Zusammen mit Dr. Werner Neusel, dem Vorsitzenden, kämpft Lauer immer an vorderster Front, wenn es darum geht, wie es in den Statuten heißt, das „persönliche und wissenschaftliche Erbe der Märchensammler und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm sowie ihres Malerbruders Ludwig Emil zu pflegen“ und in die Welt zu tragen. Lauer ist noch immer Feuer und Flamme: „Schauen Sie, das habe ich gerade druckfrisch aus Japan bekommen“, zeigt er eine Publikation über die Grimms und blättert gleich die Seiten über Kassel auf.

Eine Zäsur in der Arbeit der Gesellschaft stellt jetzt die neue Grimmwelt dar. „Wir haben die Idee eines Hauses, wie es die Grimmwelt sein wird, von Anfang an begrüßt und freuen uns auf die Eröffnung“, sagt Neusel. Die Investition von 20 Millionen Euro sei wichtig und richtig.

Bereits seit Herbst ist das Museum im Palais Bellevue geschlossen und ausgeräumt worden: um später im neuen Haus auf dem Weinberg aufzugehen. „Unstrittiges Ziel von Stadt und Gesellschaft war es, den wertvollen Bestand zusammenzuhalten“, sagt Neusel. In einem Vertrag vom Dezember 2014 wurde festgeschrieben, dass das gesamte Konvolut, weit über 20 000 Objekte, darunter wertvolle Bücher, Möbel und Sammlungen, in das Eigentum der Stadt übergeht. Neusel: „Wir wollten im Einzelnen nicht mehr klären, wem was gehört, sondern erreichen, dass der Bestand nicht auseinandergerissen wird.“ Als Ausgleich für die Übertragung ihres Eigentums bekommt die Gesellschaft von der Stadt 900.000 Euro, ausgezahlt in sechs Tranchen.

Ungeklärt ist auch, wem die Handexemplare gehören. Nach wie vor machen sowohl die Stadt als auch das Land Eigentumsansprüche geltend. „Das Thema ruht“, so Neusel. „Für das Prädikat ist das irrelevant“, sagt Lauer, „solange die Dokumente für die Welt verfügbar sind.“ Die Gesellschaft - ohne Museum, aber mit einer Geschäftsstelle und der attraktiven Adresse Brüder-Grimm-Platz - betreibt jetzt „eine Art Dienstleistungszentrum in Sachen Grimm“, sagt Neusel. Forschen, Publizieren und der Nachfrage nach Ausstellungen nachkommen wird verstärkt ihre Aufgabe sein. Um dies federführend voranzutreiben, ist der renommierte Grimm-Forscher Lauer (61) von der Stadt als Museumschef freigestellt und an die Gesellschaft abgeordnet worden. „So ergibt sich für alle eine Win-win-Situation“, sagt Neusel, und Lauer stimmt ihm zu.

Bis zur Eröffnung der Kasseler Grimmwelt am 4. September veröffentlichen wir in regelmäßiger Folge Beiträge rund um das Wirken der Brüder Grimm.

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