Stadtführung auf den Spuren der Grimms

Als die Brüder Grimm Bücher aus einem brennenden Haus warfen

Kassel. Eine sehr lebendige Stadtführung auf den Spuren der Grimms führte die Teilnehmer von der Altstadt bis zum neuen Ausstellungshaus.

Mit Blick auf die Sommeridylle am Fluss und die Rückseite des Regierungspräsidiums lässt sich kaum ausmalen, welch dramatische Szenen sich hier vor fast 204 Jahren abspielten. In der Nacht zum 24. November 1811 brannte das Stadtschloss, das damals an dieser Stelle stand. Der König von Westphalen, Napoleons Bruder Jérôme, flüchtete spärlich bekleidet aus dem Gebäude.

Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm indes rannten aus ihrer Wohnung in der Marktgasse herbei, um die Bücher der Bibliothek zu retten, die sie beherzt aus dem Fenster warfen. Die erfahrene und belesene Stadtführerin Cäcilia Winter kennt viele solcher Geschichten über die Brüder Grimm, die viele Jahre in Kassel lebten und wirkten.

Platz mit Geschichte: Vom Grimmplatz blickt die Gruppe auf die Torwache (im Hintergrund), in der die Grimms von 1814 bis 1822 wohnten. Cäcilia Winter zeigt eine von Ludwig Emil Grimm gezeichnete Innenansicht. Rosi Baum, Daniela Weidmüller, Bernd Heger, Hans-Jürgen Bodden, Jörg Bis-Bodden, Marita Rehbein und Birgit Kuchenreiter (von links) hören aufmerksam zu. Fotos:  Schachtschneider

So war es eine sehr lebendige Stadtführung auf den Spuren der Grimms. Denn glücklicherweise sind noch einige historische Stätten erhalten. So auch die Torwachen-Gebäude, die den Brüder-Grimm-Platz mit dem Grimm-Denkmal säumen. In die Wohnung im zweiten Stock der nördlichen Wache waren Jakob und Wilhelm 1814 gemeinsam mit ihrer Schwester Lotte eingezogen, die ihnen den Haushalt führte.

Hier entstand unter anderem die zweite Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen. Gegenüber, etwa dort wo heute das Hessische Landesmuseum steht, wohnte die Schwester des Schriftstellers Clemens Brentano. Hier traf sich der Kasseler Romantikerkreis, der mitunter auch von Achim von Arnim und Heinrich Heine besucht wurde. „Kassel war damals ein kleines, romantisches, literarisches Zentrum“, schwärmt Cäcilia Winter.

Nicht minder wichtig für die Brüder Grimm war die Begegnung mit Pfarrer Ramus und dessen Töchtern, die wenig entfernt am damaligen Frankfurter Tor am Eingang zur Oberneustadt wohnten. Sie machten die Begründer der Germanistik schließlich mit Dorothea Viehmann bekannt, aus deren reichem Gedächtnisschatz Jakob und Wilhelm um die 40 von ihr überlieferte Märchen aufschrieben. Später zogen die Grimms in eine Wohnung im Haus Schöne Aussicht 9 nahe dem Schloss Bellevue, das später als Grimm-Museum diente. Von hier war es nur ein Katzensprung zu ihrem Arbeitsplatz, der Bibliothek im Fridericianum.

„Die Grimms wussten schon, wo es schön ist in Kassel“, sagt Marita Rehbein, eine der Teilnehmerinnen der Führung. Der Standort der neuen Grimmwelt, die am 4. September eröffnet wird, hätte den Brüdern deshalb sicher gefallen. Das Ausstellungshaus befindet sich zudem ganz in der Nähe des Friedrichsgymnasiums, das zu Jacobs und Wilhelms Zeit noch Lyceum Fridericianum hieß und sich in der Innenstadt am heutigen Lyceumsplatz befand. Die fleißigen Schüler ernteten hier viel Lob. So bewies Wilhelms Lehrer schon damals Weitsicht, indem er feststellte, dass man von ihm später einmal als großem Gelehrten sprechen würde.

Bis zur Eröffnung der Grimmwelt am 4. September veröffentlichen wir regelmäßig Beiträge zum Leben und Werk der Brüder Grimm.

Von Martina Heise-Thonicke

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