Archäologen auf dem Weinberg vor Ort

Funde bei Grimmwelt-Bauarbeiten: Schale liefert Hinweise auf Bombenangriff

Kassel. Mit dieser Geflügelschere ist sicher keine schwere Weihnachtsgans zerteilt worden. Eher feineres Geflügel. Vielleicht wurden mit diesem filigranen Küchenwerkzeug für Sophie und Carl Anton Oskar Henschel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Wachteln oder Täubchen zerteilt.

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Die Hälfte einer kleinen Geflügelschere gehört zu den Fundstücken, die auf der Baustelle für die Grimmwelt auf dem Weinberg entdeckt worden sind. Aus Anlass der Bauarbeiten hat die Stadt Kassel die archäologische Untersuchung des Areals in Auftrag gegeben. „Wir bauen hier ja nicht auf einer jungfräulichen Fläche“, sagte Oberbürgermeister Bertram Hilgen am Dienstag im Palais Bellevue (Brüder-Grimm-Museum) bei der Präsentation der Fundstücke. Vielmehr handele es sich um eine kulturhistorische und für die Stadtgeschichte bedeutende Fläche in exponierter Lage.

Das größere Henschel-Haus (rechts) ließ Oskar Henschel bereits 1931 abreißen. Aus Wut über zu hohe Steuerforderungen.

Bevor die Unternehmerfamilie Henschel 1868 ein erstes Grundstück auf dem Weinberg erwarb, um hier zunächst eine Villa zu bauen, waren hier Biergärten angelegt. Ein beliebter Treffpunkt für die Kasseler Bevölkerung. Unten im Weinberg wurde das Bier gekühlt, oben wurde es getrunken.

Spätestens als Anfang des 20. Jahrhunderts eine zweite Villa der Henschels (das Henschel-Haus) auf dem Weinberg gebaut wurde, waren die Grundstücke für die Öffentlichkeit tabu.

Wie die Familie Henschel hier gelebt hat und eingerichtet war, wird auch durch die jetzt 450 gefundenen Einzelteile, die zu etwa 180 Exponaten zusammengesetzt worden sind, deutlich. „Es gab eine gehobene Tischkultur“, sagte Archäologin Sabrina Liebetrau von der Fritzlarer Firma Erdreich. Neben der halben Geflügelschere wurden Fragmente von vergoldeten Kelchgläsern gefunden. Dieses Inventar stammt aus der 1945 – kurz vor Kriegsende – durch Bomben zerstörten kleineren Henschel-Villa (Foto oben, links). Die größere Villa (Henschel-Haus) hatte Oskar Henschel bereits 1931 abreißen lassen. Aus Wut über die steuerliche Belastung.

Hinweise auf Bombenangriff

Sauciere der Unternehmerfamilie: Dieses Geschirr wurde jetzt gefunden.

Hinweise auf den Bombenangriff liefern die Überreste von 14 Souffléschälchen. „Metallstücke sind mit einem Teil der Scherben verschmolzen“, sagt Liebetrau. Es wurden aber auch Zeugnisse dafür gefunden, dass die Henschel-Villa noch während des Zweiten Weltkriegs saniert beziehungsweise umgebaut wurde. Es wurden Bodenfliesen der Firma Villeroy & Boch ausgegraben, die auf 1939 datiert worden sind.

Susanne Völker, Projektleiterin der Grimmwelt, ist glücklich über die archäologische Begleitung des Museumsbaus. Ausgewählte Exponate der Henschelvilla vom Weinberg werden ab Mai in einer Sonderausstellung im Palais Bellevue gezeigt. Dort wird dann auch über den Baufortschritt zum neuen Grimm-Museum informiert.

Arbeiten am Weinberg: Relikte der Henschelvilla gefunden

Arbeiten am Weinberg: Relikte der Henschelvilla gefunden

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Rubriklistenbild: © Stadt

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