Torwache und Bellevue waren Favoriten

Sie liebten schöne Aussichten: Kasseler Wohnorte der Brüder Grimm

Sie zogen oft um: Jacob (rechts) und Wilhelm Grimm. Foto:  dpa

Auf eine schöne Aussicht haben Jacob und Wilhelm Grimm großen Wert gelegt. Die letzten Lebensjahre in Berlin verbrachten sie in Wohnungen mit Blick auf den Tiergarten.

Das erzählt der Grimm-Professor Holger Ehrhardt (Uni Kassel). Wegen der Aussicht hätten in Kassel die Torwache mit Blick auf die Wilhelmshöhe und die Wohnungen im Bellevue bei den Märchensammlern und Sprachforschern hoch im Kurs gestanden. Aber Wilhelm und Jacob Grimm lernten hier auch noch andere Ecken kennen:

Sack 4 (1798 bis 1802 /03): Jacob und Wilhelm Grimm wuchsen mit ihren Geschwistern in Hanau beziehungsweise Steinau an der Straße auf. Nachdem der Vater 1796 unerwartet starb, schickte Dorothea Grimm ihre beiden Söhne nach Kassel, damit sie hier das Lyzeum Fridericianum besuchen konnten. Ihre Tante Henriette Zimmer, die am Hofe in Kassel erste Kammerfrau war, kümmerte sich um die beiden Brüder. In Nähe des Landgrafenschlosses wohnten Jacob und Wilhelm in der Straße Sack 4 (am Steinweg) bei dem landgräflichen Koch Abraham Vollbrecht. Ehrhardt geht davon aus, dass der Koch ein Bekannter der Tante war.

Marktgasse / Wildemannsgasse 24 (1805 / 06 bis 1814): Nachdem die Brüder ihr Jurastudium in Marburg abgeschlossen hatten, kehrten sie nach Kassel zurück. Ihre Mutter war bereits mit den jüngeren Geschwistern in ein Eckhaus in der Altstadt gezogen. Hier begannen die Brüder mit ihrer Märchensammlung und empfingen auch Dorothea Viehmann. Allerdings hätten die Brüder auch Angst um ihre Bücher und Manuskripte gehabt. In der engen Altstadt brannte es oft. Die Grimms hätten mehrmals ihre Sammlungen in Decken auf die Gasse getragen, um sie vor den Flammen zu schützen, sagt Ehrhardt.

Torgebäude auf der Wilhelmshöher Allee (1814 bis 1822):Nachdem 1813 das westfälische Königreich aufgelöst worden war, wurde das Wohnen in Kassel günstiger, sagt Grimmforscher Ehrhardt. Wilhelm Grimm bat den Vermieter Salomon Wille deshalb um einen Mietnachlass für die Wohnung in der Altstadt. Der habe sich darauf aber nicht eingelassen. Daraufhin suchte Wilhelm Grimm eine neue Wohnung und wurde fündig: Das Torgebäude an der Wilhelmshöher Allee, das der landgräflichen Verwaltung gehörte, war viel günstiger als die Altstadtwohnung. Zudem hatte man hier einen schönen Blick und es herrschte keine Enge. Unklar ist, wo in dieser Zeit gekocht wurde. In der Torwache gab es laut Ehrhardt keine Küche.

Holger Ehrhardt

Fünffensterstraße (1822 bis 1824): 1822 wurde den Brüdern die Torwache gekündigt. Sie vermuteten selbst, so Ehrhardt, dass dies eine Schikane des Kurfürsten Wilhelm II. war. Die Brüder verkehrten nämlich bei der Kurfürstin Auguste, die keine gute Ehe mit dem Kurfürsten führte. Sie wurde von ihm ins „Exil“, in das Schloss Schönfeld, geschickt. Hier waren die Brüder Grimm regelmäßig Gast bei Lesezirkeln. Der Kurfürst vermutete, dass die Grimms einem oppositionellen Kreis angehörten. So zogen sie 1822 in das Haus des Schmiedes Geßner an der Fünffensterstraße. Dort hätten sie sich aber nicht wohlgefühlt, sagt Ehrhardt. Auch weil Schwester Lotte nicht mehr bei ihnen war.

Bellevue 9 (1824 bis 1826): Hier gefiel es den Brüdern wieder gut, besonders die Aussicht in die Karlsaue. Das Haus an der Schönen Aussicht ist heute noch im Original erhalten.

Bellevue 7 (1826 bis 1829 und 1837 / 38 bis 1841): Die Brüder zogen zwei Häuser weiter in die Villa des Hofmalers Böttner (heute nicht mehr erhalten). Auch der Malerbruder Ludwig Emil Grimm zog mit um. Er lernte Marie, die Tochter des Hauses, kennen, die er 1832 heiratete. Jacob und Wilhelm verbrachten die Zeit zwischen 1829 und 1837 in Göttingen. Als sie 1837 / 38 nach Kassel zurückkehrten, zogen sie wieder in die Villa Böttner zurück, die mittlerweile ihrem Bruder Ludwig Emil gehörte. 1841 kehrten Wilhelm und Jacob Grimm Kassel den Rücken und gingen nach Berlin. Archivfoto: nh

Bis zur Eröffnung der Kasseler Grimmwelt am 4. September veröffentlichen wir in regelmäßiger Folge Beiträge zum Wirken der Brüder Grimm. 

In der gedruckten Ausgabe am Mittwoch finden Sie außerdem einen Stadtplan mit den Wohnorten der Grimms  aus dem Jahr 1822.

Mehr zum Thema finden Sie im Regiowiki.

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