Kleine Sensation: Grimm-Expertin stößt auf kulinarische Leidenschaft der berühmten Kasseler

Brüder Grimm gaben sich gern die Kugel: Lieblings-Praline der Märchenbrüder wird bald wieder verkauft

Sie forschte, er kümmerte sich um die Kugeln: Kulturwissenschaftlerin und Grimm-Expertin Andrea Linnebach-Wegner und Günther Koseck mit den Grimm-Kugeln 
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Sie forschte, er kümmerte sich um die Kugeln: Kulturwissenschaftlerin und Grimm-Expertin Andrea Linnebach-Wegner und Günther Koseck mit den Grimm-Kugeln 

Die Brüder Grimm sind für viele Dinge berühmt. Allen voran für ihre Kinder- und Hausmärchen und ihre Arbeit am Deutschen Wörterbuch. Aber kürzlich hat die Kasseler Grimm-Expertin Andrea Linnebach-Wegner herausgefunden, dass die Märchenbrüder auch Schlemmermäuler waren.

Kassel - In ihren alten Briefen stieß Linnebach-Wegner auf deren Leidenschaft für Ess-Schokolade. Nun wurde das alte Schokoladenkugel-Rezept neu aufgelegt und ganz nebenbei muss durch die Entdeckung der Kulturwissenschaftlerin die Geschichte der Ess-Schokolade neu geschrieben werden.

Die Entdeckung begann mit einem Forschungsauftrag an der Uni Kassel. Für ein Projekt durchforstete Linnebach-Wegner bis Juni fast 800 private Briefe der Grimms an ihre Verwandten. In dem Briefwechsel zwischen Wilhelm Grimm (1786–1859) und deren Tante Henriette Zimmer (1748-1815) wurde die Wissenschaftlerin fündig. Bereits 1812 hatte Zimmer ihren Neffen regelmäßig Schokokugeln geschickt, die ein Hofkonditor aus Gotha hergestellt hatte. Die Brüder waren sehr angetan von dem süßen Gruß. Wilhelm schrieb zurück: „Sie haben mir eine große Freude damit gemacht, ich gehe nicht spatziren, ohne ein paar einzustecken.“

Der schokoladige Leckerbissen war damals eine absolute Rarität und ohnehin nur für den Adel bestimmt. Denn Ess-Schokolade wurde – anders als Trinkschokolade – erst Ende des 19. Jahrhunderts durch einen Schweizer Chocolatier weltweit berühmt. Zimmer war auf die seltene Köstlichkeit gestoßen, als sie Anfang des 19. Jahrhunderts als Kammerfrau von Kurfürstin Wilhelmine Caroline arbeitete, die nach Napoleons Einzug in Kassel 1806 nach Gotha ins Exil gegangen war. Der dortige Hofkonditor experimentierte offenbar sehr früh mit fester Schokolade.

Schleckermäuler: Die Brüder Grimm.

Linnebach-Wegner überraschte mit ihrer Entdeckung sogar die Schokoladenmuseen in Köln und Hallo. Dort seien die Experten bislang davon ausgegangen, dass Ess-Schokolade erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Zum Vergleich: Die prominente Mozartkugel wurde erst 1890 erfunden, als ihr Namensgeber längst unter der Erde lag.

Tante Zimmer jedenfalls freute sich, dass sie ihren Neffen eine Freude machen konnte. Besonders an Wilhelms Gesundheit sei ihr gelegen gewesen, weil dieser oft kränklich war. „Schokolade galt damals als gesundheitsfördernd und wurde sogar in Apotheken verkauft“, sagt Linnebach-Wegner.

Objekt der Begierde: Die Grimm-Kugel

Diese schöne Geschichte der Grimm-Kugeln kann nun aber nicht nur nachgelesen werden, sondern auch kulinarisch erfahren werden. Gemeinsam mit Günther Koseck hatte Linnebach-Wegner die Idee, das historische Rezept der Kugeln neu aufzulegen. In einem Rezeptbuch des Gothaer Hofkonditors J.C. Eupel wurden sie fündig. Dessen „Pralins von Chokolade“ bestanden nur aus Schokolade, Sahne, Zucker und Vanille. Anschließend wurden die Kugeln in Kakao gerollt.

Nach diesem Vorbild stellt künftig die Pralinenwerkstatt Kassel die Leckereien her. Allerdings kommen diese in zeittypischer Verpackung erst am September auf den Markt, wenn es kühler ist. Preise und Verkaufsstellen stehen noch nicht fest. (Bastian Ludwig)

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