Im Henschel-Museum werden 500 000 Zeichnungen und 10 000 Fotos verwahrt

Größtes Lok-Archiv Europas

Aus dem riesigen Archiv der Henschel-Produktion: Diese Tenderlokomotive wurde im Jahr 1955 gebaut und ausgeliefert. Eine Tenderlokomotive ist eine Bauart der Dampflokomotive, bei der die Wasser- und Brennstoffvorräte in Behältern auf der Lokomotive selbst mitgeführt werden. Das Foto entstand in Rothenditmold. Foto: Henschel-Museum/nh

Kassel. Das größte Lokomotiv-Archiv Europas befindet sich nicht in London, Paris oder Berlin, sondern in Rothenditmold. Unter dem Dach des Henschel-Museums wird ein Schatz verwahrt, der aus geschätzten 500 000 Seiten Konstruktionszeichnungen, etwa 10 000 Fotos, Negativen, Glasplatten, Büchern, Heften und Filmen besteht. „Wir könnten fast alle der 400 Lokomotivtypen, die bei Henschel gebaut wurden, rekonstruieren“, sagt Peter Zander (68), der ehrenamtliche Leiter des Archivs.

Im Krieg ausgelagert

Seit 1860 hat man bei Henschel die gesamte Produktion dokumentiert. Obwohl die verschiedenen Werke im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurden, blieb das Archiv unversehrt. „Wir wissen, dass es ausgelagert wurde, aber nicht, wohin“, sagt Helmut Weich (69), der das ehrenamtlich betriebene Museum leitet. Es grenzt an ein Wunder, dass die Zeichnungen und Fotos den Krieg überstanden. Mindestens genauso ungewöhnlich ist es, dass sie nicht von einer der Henschel-Nachfolgefirmen einfach in den Müll geworfen wurden. „Ich bin davon überzeugt, dass das mit der besonderen Beziehung der Henschel-Mitarbeiter zu ihrer Firma zusammenhing“, sagt Helmut Weich, der selbst alter Henschelaner ist.

Rheinstahl bis Bombardier

So wurde das umfangreiche Material von Rheinstahl-Henschel (1965) über Thyssen-Henschel, Thyssen Krupp, ABB, Adtranz bis Bombardier weitergegeben. Bis 2002 lagerte es in einer Halle an der Bunsenstraße. „Bombardier hat uns das gesamte Archiv inklusive der Nutzungsrechte zur Verfügung gestellt“, sagt Peter Zander. Seit sieben Jahren arbeitet sich der pensionierte Lehrer durch Berge von Henschel-Geschichte, katalogisiert und digitalisiert alles akribisch. Mittlerweile gibt es mit Alexander Okel, Werner Küchmann und Gerd Müller drei weitere Archivmitarbeiter. „Die Arbeit geht uns garantiert nicht aus, das wird noch Jahrzehnte dauern“, sagt Peter Zander.

Anfragen gibt es aus allen Ländern, in die Henschel-Loks vom ehemals größten Hersteller Europas exportiert wurden. „Weltweit gibt es noch etwa 700 Loks, ungefähr die Hälfte fährt noch“, sagt Archivleiter Zander. Wenn irgendwo in Südafrika, Japan oder Brasilien Konstruktionszeichnungen gebraucht werden, dann ist das Henschel-Archiv eine gefragte Adresse. Auch Modellbauer fragen nach den Zeichnungen.

Für fünf Euro pro Kopie werden die verschickt. Das ist nicht viel, aber damit und mit Spenden finanziert das Archiv seine Arbeit. „Dieses unglaubliche Material ist ein Riesenglücksfall“, sagt Peter Zander. Nicht nur für Lokomotivfans. Zum Henschel-Nachlass gehören auch Erinnerungsstücke der Familie. Darunter befindet sich ein Kochbuch von Sophie Henschel.

Henschel-Museum, Wolfhager Str. 109, Tel. 80 17 25 0.

Von Thomas Siemon

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