Der Kasseler Winfried Jenior widmet sich seit 40 Jahren Gedrucktem

Einer der letzten Antiquare: Große Bühne für das Buch

Der Kasseler Verleger, Autor und Antiquar mit großem Bücherladen, Winfried Jenior, ist seit 40 Jahren im Dienste des Buches tätig.
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Antiquariat mit Bücherpräsenz: Winfried Jenior ist seit 40 Jahren in Kassel als Antiquar tätig.

Er gehört zu den letzten seiner Zunft: Winfried Jenior ist Antiquar mit großem Bücherladen.

Seit 40 Jahren geht der 66-Jährige einem Beruf nach, der im Aussterben begriffen ist: Jenior ist Antiquar mit einer imposanten Präsenzbibliothek. In Kassel gehört er damit zu den Letzten seiner Zunft. Nach und nach haben die meisten aufgehört und sich mit ihren Geschäften ins Internet zurückgezogen. Auch Jenior verkauft vor allem online, „bis zu 90 Prozent in die gesamte Welt“, wie er sagt, aber von seinem Geschäft, in dem man das Kulturgut Buch auch haptisch und sinnlichen erfahren kann, will er sich nicht trennen. Auch wenn immer weniger Laufkundschaft in den Laden in der Marienstraße 5 zum Stöbern vorbeikommt.

Während man sich in dem dämmrigen Ladenlokal, das von einer ausgestopften Eule bewacht wird und in dem, so Jenior, eine „gute Mischung aus Ordnung und Chaos“ herrscht, leicht in nostalgischen Gedanken verliert, erzählt der Antiquar Verblüffendes: Er sei Anfang der 1980er-Jahre „wahrscheinlich bundesweit einer der Ersten“ gewesen, der sich von seinen auf Karteikarten abgetippten und mit Tipp-Ex ausgebesserten Katalogen verabschiedet hatte und auf einen C 64-Computer umgestiegen war. Auch wenn es damals noch kein Internet gab, war das Aktualisieren auf den Disketten ein Quantensprung in der Bücherverwaltung, erzählt Jenior. Begonnen hatte alles 1980 mit einem kultigen Souterrain-Antiquariat in der Lasallestraße. Literatur, Kunst, Fotografie, Architektur und Kulturgeschichte sind bis heute die Schwerpunkte geblieben. Mit seinem späteren Geschäftspartner Bernd Pressler verkaufte Jenior, der Englisch und Kunst auf Lehramt studiert hat, nicht nur Bücher, sondern gründete unter dem Namen Jenior & Pressler 1986 auch einen Verlag. Bei den ersten verlegten Büchern handelte es sich um so exotische Werke wie Übersetzungen fantastischer Erzählungen aus der Sowjetunion. Seit 1992 hat sich Jenior– inzwischen ohne Pressler – auf spanische Kulturgeschichte spezialisiert. 30 Titel hat er dazu im Programm.

Auch das hat mit Winfried Jeniors persönlichen Vorlieben zu tun: Seit Jahrzehnten sind er und seine Frau Besitzer einer Finca in Andalusien, wo die Familie jede freie Minute verbringt und wo der heute 34-jährige Sohn Pablo Spanisch wie seine Muttersprache aufgesogen hat. In seinem Herzensland hat Jenior angefangen zu übersetzen: zuerst den Klassiker Gerald Brenans „Südlich von Granada“. Schließlich wurde er selbst zum Autor und zum Fotografen, der seine Bücher illustriert. Mit Stolz zeigt er das Kochbuch „Tapas – Spezialitäten aus Spanien“. „Alles in der eigenen Küche zubereitet, fotografiert und aufgegessen“, sagt er. Der Homme de lettre ist dem Genuss nicht abgeneigt.

Auch wenn er mit Literatur und Bücher-Verkaufen nicht reich werde, sei er glücklich. Deshalb könne er auch immer wieder neue Ideen entwickeltn, etwa das Programm „Literatur-Salon“, bei dem Literturkenner und -liebhaber in seinen Räumen Gespräche über Bücher führen. Die Reihe ist seit einigen Jaren aus Kassels Kulturleben nicht mehr wegzudenken.

Am glücklichsten aber ist Winfried Jenior darüber, dass sein Sohn Pablo, der als Web-Designer ohnehin täglich im Laden arbeitet, das Antiquariat einmal weiterführen will

Von Christina Hein

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