Wie aus einem Strafprozess eine Spaßveranstaltung um den Ex-MEG-Chef wurde

Die große Göker-Show

Gut gelaunt zum Prozess: Mehmet Göker (Mitte) mit seinem Anwalt Dr. Michaael Nagel aus Hannover.

Kassel. Die Befürchtung war berechtigt: „Das hier ist ein Strafprozess und keine Spaßveranstaltung“, sagte Amtsrichter Krämer gleich zu Beginn der Verhandlung gegen Mehmet Göker. Ganz verhindern konnte er es aber doch nicht, dass sich vor und im Gerichtssaal vor allem eines abspielte: Die ganz große Göker-Show.

Mehmet Göker kann sogar auf der Anklagebank sein angeborenes Talent nicht verbergen - er ist ein Verkaufsgenie, vor allem, wenn es um ihn selbst geht.

Armer Schlucker?

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Gut gelaunt sitzt er da in seinem weißen Lacoste-Hemd, zieht das beigefarbene Jacket aus, weil es ihm zu warm wird. Ganze 1500 Euro im Monat verdiene er in der Türkei, sagt er mit einem Grinsen im Gesicht. Der Mann, der einst mit dem Ferrari Kassels Straßen unsicher machte, sei nun fast ein armer Schlucker - als Angestellter einer Beratungsfirma.

Da müssen viele im vollen Saal grinsen. Innerlich klatschen wohl die meisten ihrem Mehmet Beifall. Die Mehrheit im Saal stellen die Ex-MEGler, die schon immer zum Göker-Fan-Club gehörten. Richter Krämer bezeichnet sie einfach als „Jubelperser“.

Mehmet bleibt auch als Angeklagter der Größte für sie. Ja, das ist einer, der es allen zeigt. Kommt nach Deutschland, wo alle Welt glaubt, er wird noch auf dem Flughafen verhaftet. Nun will er erstmal eine Woche bleiben und überall Geschäfte machen. Und viel essen: Currywurst, Schnitzel, überhaupt Schweinefleisch in allen Varianten. Das ständige Lamm in der Türkei, sagt der türkische Staatsbürger, „kann ich nicht mehr sehen“.

Donnerstag Mittag aß Mehmet Göker in der Prozesspause eine Pizza. Derlei gestärkt, konnte er auch das Urteil verkraften: 2500 Euro wegen Beleidigung und Bedrohung. Das sei viel für den kleinen Angestellten Mehmet Göker. Sagt Göker nach dem Prozessende in die laufenden Kameras und kündigt auch gleich Konsequenzen an: „Die Party am Abend ist gestrichen.“ Das könne er sich nun nicht mehr leisten.

Dann wird er von einem ganzen Tross seiner Anhänger vor die Tür begleitet und da draußen stehen schon zwei Limousinen, die auf den gerade verurteilten Straftäter warten. Die eine, eine kleine weiße, ist das Begleitfahrzeug, die andere ist ein dicker dunkler BMW. Eine fast standesgemäße Karosse für den einzigen Popstar Nordhessens.

Und niemand kümmert es, dass die Autos minutenlang im Parkverbot vor dem Gericht stehen, weil Mehmet Göker noch ein paar Worte an seine Untertanen richtet, die aussehen wie schlecht geklonte Mehmet-Kopien. Hinter den Wagen stauen sich die Autos auf der Frankfurter Straße. Aber da sitzen ja nur schimpfende Gaffer drin. Menschen, die vielleicht acht Stunden am Tag arbeiten und nicht zwölf wie die MEGler. Kassel hat Göker wieder. Es war fast wie zu MEG-Zeiten.

Mehmet Göker vor dem Kasseler Amtsgericht

 © Herzog
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Peinlichkeiten beim Göker-Prozess

Der Prozess gegen Mehmet Göker war von vielerlei Ungereimtheiten begleitet, die so manchen Besucher der Verhandlung negativ auffielen.

1: Mehmet Göker gab vor Gericht an, dass er im Monat als Angestellter 1500 Euro verdient. Das wurde vom Gericht akzeptiert - ohne auch nur eine Frage zu stellen. Nach diesen Angaben wurde die Höhe der Strafe berechnet: 50 Tagessätze je 50 Euro. Die 50 Euro resultieren aus dem Gehalt von 1500 Euro, das durch 30 Tage geteilt wird. Nur: Gleichzeitig beteuert Göker, er bezahle in Monatsraten (die Rede ist von 10000 Euro im Monat) seine Geldstrafe wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 720000 Euro ab. Jedem musste klar sein - das passt nicht zusammen. Nur vor Gericht ging das durch. ´

2: Gestern war Girls-Day. Neben Oberamtsanwalt Eisenberg saßen vier kleine Mädchen. Ihnen glühten die Ohren: Denn schon in der Anklageschrift war von Beleidigungen und Bedrohungen die Rede, die in dem Satz gipfelten. "Ich schneide Dir die ... ab." Darüber wurde vor Gericht lange diskutiert. In allen Details besprochen, ob das Androhen des Abtrennens von männlichen Fortpflanzungsorganen nun eine Straftat ist oder nicht und ob man das Abschneiden chirurgisch wieder beheben könne. Ist das der Stoff, den die Staatsanwaltschaft kleinen Mädchen zum Girls-Day bietet? Abfahrt aus Parkverbot

3. Wieso darf ein Verurteilter die Autos, die ihn abholen, unglaublich lange im Parkverbot vor dem Gericht stehen lassen, ohne sich um das Verbot und den Berufsverkehr auf der Frankfurter Straße zu kümmern? Wer ähnliches woanders versucht, hat wohl gleich die Polizei auf dem Hals. Mehmet Göker konnte sich dabei auch noch filmen lassen. Manchem Bürger, der die Szene beobachtete, schwoll dabei die Zornesader auf der Stirn: Man erinnerte sich an längst vergangen geglaubte MEG-Zeiten, in den die Nobelkarossen zu Kneipenbesuchen wild auf Bürgersteigen geparkt wurden. (tho)

Von Frank Thonicke

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