Große Unterschiede beim Entwicklungsstand: Weniger Kinder sind schulfähig

Test auf Schulfähigkeit: Alexander Biehl (links) wird in einer Hamburger Grundschule von Schulleiterin Angelika Gerlinger auf seine Sprachfähigkeit getestet. Archivfoto: dpa

Kassel. Die Zahl der Kinder, die nicht schulfähig sind, ist im vergangenen Jahr in Stadt und Landkreis Kassel leicht angestiegen.

Nach Angaben von Dr. Ernst Purmann, Schulaufsichtsbeamter für Grundschulen beim Staatlichen Schulamt in Kassel, wurde zehn Prozent der Kinder in der Stadt und fünf Prozent der Kinder im Landkreis keine Schulfähigkeit attestiert. Das ergibt einen Durchschnittswert von sieben Prozent für Stadt und Kreis, im Schuljahr 2009/2010 seien es nur sechs Prozent gewesen.

Von den insgesamt 3400 Jungen und Mädchen, die vergangenen Sommer eingeschult werden sollten, wurden 246 zurückgestellt (145 in der Stadt und 101 im Landkreis). Sie besuchen jetzt eine Vorklasse, sagt Purmann.

Ob ein Kind eingeschult werden kann, darüber entscheiden die Schulen – nicht das Gesundheitsamt, das für die Schuleingangsuntersuchungen zuständig ist. Die Ärztinnen geben lediglich Empfehlungen ab. Deshalb fallen die Zahlen von Schul- und Gesundheitsamt auch unterschiedlich aus: Für das laufende Schuljahr 2010/2011 bekamen in der Stadt 84,65 Prozent der 1622 untersuchten Kinder eine Schulfähigkeit ohne Bedenken bescheinigt. Im Kreis waren 1955 Kinder vom Gesundheitsamt untersucht worden, fast 90 Prozent davon waren ohne Bedenken schulfähig.

Der Rest hat aber Defizite: Ein Grund, warum wieder mehr Kinder nicht schulfähig sind, seien auch die großen Unterschiede beim Entwicklungsstand, sagt Purmann. „Die Schere geht immer weiter auseinander.“ Manche Sechsjährige seien auf dem Entwicklungsstand von Achtjährigen, andere erst auf dem von Vierjährigen. Für die Schwächeren seien die Hürden oft zu hoch, um eingeschult werden zu können.

Es gebe viele Kinder, die vom Elternhaus sehr gefördert würden. Die könnten vor der Einschulung lesen und ihren Namen schreiben. Andere hätten große Defizite im sprachlichen, motorischen oder sozial-emotionalen Bereich. „Das geht aber quer durch alle gesellschaftlichen Schichten“, sagt Purmann. Unter Konzentrationsstörungen litten infolge von familiären Turbulenzen auch Mädchen und Jungen aus der Mittelschicht.

Die Grundschulen stünden vor der großen Herausforderung, sich auf diese Entwicklungsunterschiede einzustellen. „Der Schulanfang muss so gestaltet werden, dass jedes Kind eine Chance bekommt“, sagt Purmann. Wenn gängige Kriterien der Schulfähigkeit von vielen Kindern nicht mehr erfüllt würden, dann müssten die Schulen reagieren. Als Beispiel nennt Purmann den flexiblen Schulanfang, den es auch an der Wöhlerschule gibt. Dort werden alle Kinder eingeschult, ob sie über die Schulfähigkeit verfügen oder nicht. Die ersten zwei Jahrgänge werden in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen gemeinsam unterrichtet. Kinder haben die Möglichkeit, in diesen Lerngruppen ein bis drei Jahre zu verweilen.

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