Mercedes-Hochhaus

Höchstes Haus in Kassel: Ärger und Streit um Zustand und Mieten

216 Mietparteien aus unterschiedlichen Kulturen wohnen hier unter einem Dach: Das Mercedes-Hochhaus an der Unteren Königsstraße.
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216 Mietparteien aus unterschiedlichen Kulturen wohnen hier unter einem Dach: Das Mercedes-Hochhaus an der Unteren Königsstraße.

Im höchsten Wohngebäude der Stadt Kassel gibt es Streit um steigende Mieten und den Zustand des Hauses.

Kassel – Als Kassels höchstes Wohnhaus 1969 an der Unteren Königsstraße bezogen wurde, setzte es neue Maßstäbe. Es ist mit 55,4 Metern bis heute nicht nur das größte Wohnhaus, sondern es entsprach damals modernsten Standards. 50 Jahre später ist das Bild ein anderes. Zudem klagen Bewohner über steigende Mieten für die 216 Appartements in Kassel. Einige zahlen über 11 Euro pro Quadratmeter. Die Eigentümerin, die Wohnungsgesellschaft GWH, weist die Kritik zurück. Die Mieten würden der Lage und der Nachfrage entsprechen.

Nina Streltsova wohnt seit acht Jahren in dem sechzehnstöckigen Haus mit dem markanten Mercedes-Stern auf dem Dach. Sie war damals froh, eine günstige Wohnung gefunden zu haben. Dafür nahm sie auch die Lage in einem Problemviertel in Kauf. Kurz vor ihrem Einzug gab es einen brutalen Überfall auf eine 85-Jährige im Treppenhaus des Gebäudes. Sie habe oft ein mulmiges Gefühl, erzählt die 73-jährige Mieterin. Sie trägt für den Notfall immer eine Trillerpfeife um den Hals und betritt den Keller nie alleine. Dort wurden bereits etliche Verschläge aufgebrochen.

Ärger im höchsten Haus in Kassel: Mangelnde Sauberkeit

Ein Problem sei zudem die mangelnde Sauberkeit. Vor allem am Haupteingang liegt häufig Müll – auch als die HNA vor Ort war. Die Fahrstühle sind noch aus dem Baujahr. „Die sind immer mal wieder defekt und verschmutzt. Die pinkeln hier auch rein“, so die Rentnerin.

Mieterin Nina Streltsova.

Vor einiger Zeit sei das Treppenhaus gestrichen worden. Allerdings nur bis zum dritten Stock, bis zum dortigen GWH-Büro. Mehrere Lampen im Treppenhaus sind kaputt. In den Wasch- und Trockenräumen im obersten Stock stehen zwei Waschmaschinen und ein Trockner. „Das waren mal vier Maschinen und zwei Trockner“, erzählt die Mieterin. In den meist 30 bis 40 Quadratmeter großen Appartements sei oft wenig Platz für eigene Geräte.

Streltsova ist mit dem Zustand ihrer Wohnung zufrieden und sie liebt den Ausblick von ihrem Balkon. Ihr Appartement sei aber nicht repräsentativ. Die Wohnung war 2013 umfassend saniert worden, nachdem dort eine Leiche länger unbemerkt gelegen hatte. Dies war, noch bevor die GWH das Haus 2016 für 14 Millionen Euro von einem Investor mit Sitz in Großbritannien gekauft hatte.

Ärger im höchsten Haus in Kassel: Mehrfache Erhöhung der Miete

Mieter Stefan Rettich.

Was Streltsova besonders ärgert, ist die mehrfache Erhöhung ihrer Miete seit der Übernahme durch die GWH. Von 2013 bis 2016 gab es keine Erhöhung. 2018 kam der erste Anstieg um 15 Prozent auf 455 Euro Warmmiete für ihre 40 Quadratmeter. 2019 kamen 20 Euro Nebenkosten hinzu und zum 1. August 2021 will die GWH 20 Prozent mehr. Nun soll die 73-Jährige 536 Euro zahlen. Die Kaltmiete beträgt dann 9,24 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Als die GWH das Objekt übernahm, lag das Niveau nach eigenen Angaben zwischen 5,85 und 6,85 Euro.

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Das will sich Streltsova nicht gefallen lassen. Sie lebt von Grundsicherung, obwohl sie 43 Jahre gearbeitet habe. Weil die aus Russland stammende Frau vor vielen Jahren ihre russische Staatsbürgerschaft abgegeben hat, erhält sie von dort keine Rente. Nach der Mieterhöhung übersteigen die Wohnkosten den Grenzwert für die Grundsicherung. Der liegt bei Ein-Personen-Haushalten bei 416 Euro. Deshalb rät die Stadt Kassel der Betroffenen schriftlich, der Mieterhöhung nicht zuzustimmen.

Beim Bau im Jahr 1968: Auf dem Foto sind bereits die Treppenhaus- und Aufzugtürme zu sehen. 

Ärger im höchsten Haus in Kassel: Architekturprofessor klagt gegen die GWH

Mit ihrem Unmut ist Streltsova nicht alleine. Architekturprofessor Stefan Rettich wohnt seit 2016 im Hochhaus. Die Nähe zur Hochschule war für ihn ausschlaggebend. Für seine unmodernisierte 30-Quadratmeter-Wohnung hatte die GWH 2019 ebenfalls eine 15-prozentige Erhöhung von 7,34 auf 8,44 Euro pro Quadratmeter verlangt. Der Professor hatte der Erhöhung widersprochen und liegt seitdem im Rechtsstreit mit der GWH. Die von der GWH angegebenen Vergleichsmieten von bis zu 9,51 Euro – die sich alle auf Wohnungen aus dem gleichen Haus beziehen – erschienen ihm überhöht. Eine gerichtliche Gutachterin ermittelte inzwischen eine Vergleichsmiete von 8,14 Euro. Ein Urteil steht noch aus.

Irritiert war Rettich, als die GWH nach seiner Weigerung, der Erhöhung zuzustimmen, einen Anwalt beauftragte. Dieser forderte ihn zur Einwilligung auf und drohte mit einem Prozess. Gleichzeitig legte er eine Rechnung mit seinen Kosten von 83,50 Euro bei, die Rettich „verpflichtet“ sei zu zahlen. „Dabei ist noch gar nicht geklärt, ob die GWH im Recht ist“, sagt Rettich.

Im August soll ein Urteil fallen. Sobald dies vorliegt, will Rettich das Gutachten weiteren Mietern zugänglich machen. Auch will er sich an Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) wenden, der im Verwaltungsrat der Landesbank Hessen-Thüringen sitzt, dessen Tochter die GWH ist. (Bastian Ludwig)

In Kassel-Niederzwehren beschweren sich die Anwohner über Lärm und Müll. Sie fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen.

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