In Unterlüß erwartet man keinen Aufschwung durch neue Mitarbeiter aus Nordhessen

Rheinmetall: Von der Großstadt ins Heide-Dorf

Größter Arbeitgeber: Rheinmetall beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter am Standort Unterlüß. Foto:  privat / nh

Unterlüß. Gemeinde Unterlüß, Urwaldschneise 1. Die Adresse der örtlichen Verwaltung scheint Programm: Die 3600-Einwohner-Gemeinde in der Südheide ist eine Insel, umgeben von einem der größten Wälder Norddeutschlands sowie Heideflächen.

Zu den Superlativen zählt auch ein 50 Quadratkilometer großes Firmengelände des Rüstungsherstellers Rheinmetall, der die hier Munition und Fahrzeuge testet. Mitarbeiter aus Kassel und Kiel, deren Arbeitsplatz hierhin verlagert wird, werden sich umstellen müssen.

„Das kann man wohl sagen“, sagt Wilfried Manneke, der evangelische Pastor von Unterlüß. „Hier gibt es zwei Discounter, eine Grund- und Hauptschule, wobei die Hauptschule bald geschlossen wird, keine Fachärzte, wenig Kultur. Wegen jeder Kleinigkeit muss man fahren.“

Doch Manneke neigt nicht zur Trübsal. „Die Landschaft ist toll, ideal für Jäger und Pferdenarren. Nicht umsonst ist das hier eine beliebte Urlaubsgegend. Und dann gibt es ja auch noch einen Bahnhof an der Hauptstrecke Hannover -Hamburg. In 45 Minuten ist man in Hannover.“

Viele der 1000 Mitarbeiter des Rüstungskonzerns nutzen das. Einige haben schon seit Jahren in Unterlüß ein Zimmer zur Untermiete und fahren jedes Wochenende zu ihren Familien.

Der parteilose Bürgermeister Kurt Wilks wäre schon froh, wenn sich von den erwarteten 300 neuen Mitarbeitern 50 mit ihren Familien in Unterlüß niederlassen. Freien Wohnraum zu günstigen Preisen gibt es genügend. Von den einst 550 Rheinmetall-Werkswohnungen im Ort steht die Hälfte leer.

Die Verlagerung der Produktion in die Heide hat für den Konzern den Vorteil, dass das Werk Unterlüß durch seine Tradition bei der Entwicklung von Dynamit und Munition unter den Chemie-Tarifvertrag fällt. Der sieht eine Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden vor, während an den übrigen Rheinmetall-Standorten die in der Metallindustrie übliche 35-Stunden-Woche gilt.

Carsten Kadach

„Es gibt Arbeitsbereiche in Unterlüß, die laufen gut, und in anderen sieht es nicht so gut aus. Auch im Munitionsbereich gibt es zum Teil Leerlauf. Künftig wird vermutlich von den Beschäftigten noch mehr Flexibilität bei ihrem Einsatz gefragt sein“, vermutet Hans-Karl Haak, SPD-Fraktionsvorsitzender in Unterlüß und seit 26 Jahren bei Rheinmetall. Zu Euphorie neigt hier niemand, nicht zuletzt wegen der Krisen von Rheinmetall in der Vergangenheit.

Auch der bei Fußballern bekannteste Unterlüßer kann davon ein Lied singen. Carsten Kadach, bis vor Kurzem als Linienrichter in der Bundesliga, hat 18 Jahre bei Rheinmetall gearbeitet. Er war bis 2004 als Materialprüfer bei Rheinmetall tätig, unterschrieb dann wie auch viele andere einen Aufhebungsvertrag. „Es sah damals für den Standort nicht gut aus. Die vielen freien Wohnungen wirken ja auch heute noch fast wie eine Geisterstadt. Die Ausweitung der Produktion ist eine große Chance für die Gemeinde, die ja mit den Gewerbesteuereinnahmen durch Rheinmetall steht und fällt“, sagt Kadach. Er lebt mittlerweile woanders.

Die Kommune ist über beide Ohren verschuldet und will sich deshalb mit dem 15 Kilometer entfernten Hermannsburg zur Gemeinde Südheide zusammentun. Sollte es so weit kommen, dann könnte Unterlüß für sich als Standort eines Gymnasiums und einer Fachhochschule werben - beides gibt es in Hermannsburg. Allerdings kaum einen Bus, der dorthin fährt.

Von Joachim Göres

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