Schriftsteller starb am Montag

Großvater Grass liebte Kassel

Literatur-Freunde: Der Empfang für Günter Grass im Rathaus im Oktober 2007 zeigt (von links) Heide Junge, Ilona Caroli, Günter Grass und Bertram Hilgen.

Kassel. Gute Kontakte über seine Familie: Der Literaturnobelpreisträger war häufig zu Lesungen in Nordhessen.

Kassel. Es steht außer Frage: Zu Kassel hatte der gestern im Alter von 87 Jahren gestorbene Literaturnobelpreisträger Günter Grass eine besondere und ganz persönliche Beziehung. Er kannte Kassel so gut, dass er die Stadt sogar in seinen Werken verewigte, etwa in seinem Buch „Mein Jahrhundert“ (1999). Auch in seinem letzten Werk „Grimms Wörter“ (2010) spielt Kassel eine Rolle.

Zehn Mal war er allein für Lesungen und Auftritte an die Fulda gekommen. Private Termine mögen es noch mehr gewesen sein, denn über viele Jahre lebte Tochter Laura Zabel-Grass mit ihrer Familie in Kassel. Und so waren es nicht zuletzt die Enkelkinder Luisa, Leon und Lukas, die ihren Großvater immer wieder nach Kassel lockten. Ein Privileg, das viele Grass-Fans zu schätzen wussten.

Als sich beispielsweise im Jahr 2000 die ganze Welt um Auftritte des frisch gebackenen Literaturnobelpreisträgers riss, nahm der in aller Seelenruhe, ohne zu zögern im April eine Einladung zur Lesung in der Albert-Schweitzer-Schule an. „Ich kann mich noch lebhaft an alles erinnern“, sagt heute die pensionierte, damals federführende Lehrerin Margret Koch. Sie unterrichtete die Grass-Enkelsöhne Leon und Lukas. „Wir konnten uns vor Anfragen von Grass-Fans, die zur Lesung kommen wollten, kaum retten.“ Aber Grass habe vor allem seine jungen Zuhörer im Blick gehabt und sich von denen geduldig interviewen lassen. Neben der Lesung in der überfüllten Aula gab es im kleinen Kreis für Schüler der fünften bis neunten Klasse eine Sonderlektion in Sachen „Blechtrommel“ vom Autor persönlich. Auch an Grass‘ Sonderwünsche, einen bestimmten Rotwein aus einem bestimmten Glas zu trinken, erinnert sich Koch amüsiert.

Günter Grass gestorben: Nobelpreisträger war oft zu Gast in der Region

Über Luisa, die Schwester von Lukas und Leon, die 2004 an der Jacob-Grimm-Schule ihr Abitur machte, kam ein weiterer guter Kontakt zu Schülern in Kassel zustande. „Genau heute vor 13 Jahren war Günter Grass zu Gast auf der Jugendzukunftskonferenz, die Schüler der Jacob-Grimm-Schule, darunter auch Luisa, organisiert hatten“, sagte gestern Dieter Schäckel, der damals Politik-Lehrer an der JGS war. Vor mehreren hundert Oberstufenschülern aus Nordhessen habe Grass damals aus seinem Buch „Im Krebsgang“ gelesen. Im Anschluss daran habe es eine Diskussion zu aktuellen Themen gegeben, erinnert sich Schäckel. Beeindruckend sei gewesen, wie Grass den Schülern Mut gemacht und sie aufgefordert habe, nach vorne zu blicken und „immer wieder den Stein nach oben zu rollen“.

Auch Oberbürgermeister Bertram Hilgen traf mehrfach auf den Literaten: Wir sind dankbar für die vielen Erlebnisse und Veranstaltungen, die wir mit ihm teilen durften“, sagt er: „Dabei erinnere ich mich gern an Gespräche mit ihm. Man musste mit Grass nicht immer einer Meinung sein, aber sein Wort hatte bei aktuellen Themen ein großes Gewicht.“

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