"Chance zur Vergangenheitsbewältigung"

Grüne fordern: NS-Zeit Branners klären

Beliebter Politiker: Karl Branner war auch in der Sendung „Zum Blauen Bock“ mit Heinz Schenk (links) zu sehen. Das Datum der Aufnahme ist unbekannt.

Kassel. Die Fraktion der Kasseler Grünen ist die einzige, die sich bislang zu den Enthüllungen um die NS-Vergangenheit des früheren Kasseler SPD-Oberbürgermeisters Karl Branner (1910-1997) geäußert hat. Die anderen Fraktionen, auch die SPD, kommentierten die Angelegenheit nicht.

„Jetzt ergibt sich eine Chance für die Kasseler Stadtgesellschaft, einen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung zu leisten“, sagte Dieter Beig, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen.

Bei der Recherche zu dem Buch „Kassel in der Moderne“ hatten die Autorinnen Anne Belke-Herwig und Barbara Orth herausgefunden, dass Branner 1937 eine Doktorarbeit verfasst hatte, die sich nationalsozialistischen Gedankenguts bedient und er zudem seit 1933 Mitglied der NSDAP war. Beides hatte er zu Lebzeiten nicht eingestanden.

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Aus Sicht der Grünen ist es Zeit herauszufinden, „warum ehemalige NS-Gefolgsleute, wie der spätere Kasseler Oberbürgermeister Karl Branner, relativ bruchlos wieder in die Stadtverwaltung integriert wurden“. Offenbar hätten die Beteiligten ihre Vergangenheit abstreifen wollen und ihre Karriere in den demokratischen Parteien fortsetzen wollen.

Eine „selbstreflexive Besinnung“ habe offenbar nie stattgefunden. Nach den Forschungen der Autorinnen Belke-Herwig und Orth, die sämtliche Protokolle der Stadtverordnetensitzungen in der Nachkriegszeit gesichtet hatten, beschäftigten sich diese vor allem mit der Organisation des Alltags in der vom Krieg zerstörten Stadt.

„Spannend bleibt die Frage“, sagt Beig, „wie es die damalige Stadtgesellschaft tolerieren konnte, dass trotz eindeutiger Maximen der Militärregierung und ihrer deutschen Nachfolgekommissionen NS-Belastete in hauptamtliche Positionen gelangen konnten.“

Dieter Beig

Oberbürgermeister Hilgen hatte vergangene Woche angekündigt, eine „renommierte Historikergruppe“ beauftragen zu wollen, um den Werdegang Branners bis zu seiner Entlassung aus der jugoslawischen Kriegsgefangenschaft im Jahr 1949 wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Nur so sei eine Bewertung der Persönlichkeit Branners, der von 1963 bis 1975 im Amt war, möglich.

Die Grünen fordern unterdessen einen offenen Dialog über diesen Teil der Kasseler Geschichte.

Von Bastian Ludwig

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