Rektor Dieter Herrmann von der Fridtjof-Nansen-Schule

"Die Kindheit hat sich geändert": Ehemaliger Grundschul-Rektor im Interview

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Gute Laune im Ruhestand: Dieter Herrmann.

Kassel. Nach 23 Jahren als Rektor der Fridtjof-Nansen-Schule ist Dieter Herrmann nun im Ruhestand. Im Interview spricht er darüber, was sich an Grundschulen in dieser Zeit verändert hat.

Nach 23 Jahren als Rektor der Fridtjof-Nansen-Schule hat Dieter Herrmann einen gewissen Überblick über die Entwicklung an Grundschulen, die gerade zuletzt großes Thema war. Schließlich wurde bekannt, dass ein Lehrermangel droht.

Herr Herrmann, Sie sind Mittwoch in Ruhestand gegangen. Fehlt Ihnen die Schule schon?

Herrmann:Ehrlich gesagt, bin ich noch gar nicht so richtig zur Ruhe gekommen, was auch damit zu tun hat, dass am Freitag noch meine Verabschiedung war. Die war sehr emotional. Ich denke daher, dass eine gewisse Wehmut schon noch aufkommen wird.

Sie waren 23 Jahre Rektor der Fridtjof-Nansen-Schule. Was hat sich in der Zeit geändert?

Herrmann:In erster Linie die Kindheit und damit die Kinder. Sie sind heute anders als damals, was nicht negativ gemeint ist. Die Kinder von heute wachsen in einer technisierten Welt auf, die Familienverhältnisse sind mitunter komplizierter als früher, die Gesellschaft an sich hat sich verändert. Auf all das hat sich die Schule von heute einzustellen – umso mehr, wenn der Migrantenanteil wie bei uns sehr hoch ist.

Wie hat sich eine Schule wie Ihre darauf eingestellt?

Herrmann: Indem wir nicht mehr Unterricht wie früher anbieten, als der Lehrer allein vor der Klasse gestanden und den Schülern etwas beigebracht hat. Heute müssen Lehrer flexibler sein und auf die Heterogenität eingehen, indem sie den Unterricht öffnen und mehr auf die einzelnen Schüler eingehen. Die Schüler wollen alle die gleichen Ziele erreichen, aber wir müssen damit leben, dass jeder auf einem anderen Weg dorthin gelangt. Deshalb müssen Lehrer mehr freie Arbeit, mehr Projektarbeit anbieten, um dem gerecht zu werden. Ich finde das gut, weil es auch dem Entdeckergeist und der Experimentierfreude unseres Namensgebers Fridtjof Nansen entspricht.

Wie geschieht das an einer Schule mit einem Migrantenanteil von 80 Prozent?

Herrmann:Dazu lässt sich sagen, dass viele ausländische Kinder der zweiten oder dritten Generation angehören; sie verfügen also schon über gewisse Deutschkenntnisse. Trotzdem muss die Schule natürlich Sprachkurse anbieten – mitunter vor dem eigentlichen Schulbeginn. Und die Schule muss diese Kinder weiter begleiten. Das funktioniert, denn: Die Kinder wollen alle lernen. Das vergessen viele. Das Engagement ist bei allen Kindern da. Nur: Nicht alle können gut lernen. Das ist ein Unterschied.

Können die Erwachsenen in Sachen Integration etwas lernen von den Kindern?

Herrmann: Ich denke schon. Die Kinder gehen ganz natürlich und wie selbstverständlich miteinander um. Letztlich ist die Vielfalt an Nationalitäten auch für uns immer befruchtend gewesen. Es hat ein Umdenken eingesetzt. So haben sich die Weihnachtsfeiern zum Beispiel geändert: Wir sind da offener geworden, haben andere Kulturen einbezogen und voneinander gelernt. Dieser Geist findet sich auch im Schülerparlament wieder, das wir mit als Erste eingeführt haben. Die Kinder entscheiden alles mit. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Das klappt.

Ihre Schule war unter Ihnen Vorreiter in Sachen Ganztagsangebot. Inwieweit hat das die Schule verändert?

Herrmann: Das war sicher der größte Einschnitt in meiner Zeit, dass wir das Angebot bis 15 Uhr erweitert haben – eine wesentliche Entwicklung, die mit viel Arbeit verbunden war. Heute nutzen fast 90 Prozent das Angebot, was zeigt, wie groß der Bedarf ist und wie sich die Gesellschaft verändert hat.

Die Eltern haben nicht mehr so viel Zeit für ihr Kind?

Herrmann:Ich weiß nicht, ob das früher anders war und ob sich die Eltern damals um ihr Kind gekümmert haben, wenn es schon um 13 Uhr zu Hause war. Aber das erweiterte Angebot hat uns auch die Möglichkeit gegeben, mehr auf die Kinder einzugehen – fernab des normalen Unterrichts. Und was die Sprachförderung anbelangt, ist das erweiterte Angebot ebenfalls ein Vorteil: Die Kinder lernen Deutsch in erster Linie, wenn sie mit anderen Kindern zusammen sind, die mit ihnen Deutsch sprechen.

Wird Ihnen bange, wenn Sie auf die Zukunft der Grundschulen blicken?

Herrmann: Zurzeit können in einigen Grundschulen nicht alle Unterrichtsstunden erteilt werden, weil nicht genügend Lehrer zur Verfügung stehen. Das ist nicht gut. Um die Fridtjof-Nansen-Schule ist mir aber nicht bange, sie ist gut aufgestellt, die Konrektorin leitet sie bis zu den Sommerferien kommissarisch. Im August tritt die neue Rektorin ihre Stelle an.

Haben Sie schon eine Ahnung, was Sie in Zukunft am meisten vermissen werden?

Herrmann: Die Kinder. Nach meiner Verabschiedung sind alle 270 zu mir gekommen und wollten mich umarmen. Da habe ich diese tiefe Dankbarkeit gespürt. Die Kinder sind einfach toll, und ich finde es auch schön, wenn ich sehe, was aus ihnen geworden ist. Einige meiner Ehemaligen waren zu meiner Überraschung und Freude am Freitag auch da, manche sind mittlerweile einen Kopf größer als ich. Einer hat mir geschrieben: ,Sie haben mich auf den richtigen Weg gebracht’. So etwas macht mich stolz.

Zur Person

Dieter Herrmann ist 63 Jahre alt, kommt aus Kassel. 23 Jahren war er Rektor an der Fridtjof-Nansen-Schule, nachdem er zuvor an anderen Schulen tätig gewesen war. Herrmann ist verheiratet, hat eine Tochter.

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