Grundschuldidaktiker erforschen Lehrmethoden für Rechtschreibung

Schreiben statt nur Übungen machen: Um Rechtschreibung zu lernen, sollten Grundschüler vor allem eigene Texte schreiben, haben Wissenschaftler der Uni Kassel herausgefunden. Foto: dpa

Kassel. Immer wieder werden Diskussionen über mangelnde Rechtschreibkenntnisse von Schülern losgetreten. Vor Kurzem beschwor der "Spiegel" eine „Rechtschreipkaterstrofe“ herauf. An der Uni Kassel erforschen Grundschuldidaktiker, worauf es im Deutschunterricht ankommt, damit Kinder richtig schreiben lernen.

Dabei sind sie auf einen Zusammenhang gestoßen, der zunächst banal klingt: Wer Rechtschreibung lernen will, muss vor allem selbst Texte schreiben. Diese Erkenntnis ist allerdings entscheidend für die Gestaltung des Unterrichts. Denn häufig lassen Lehrer die Kinder von vornherein Rechtschreibübungen machen, sagt Prof. Norbert Kruse, Leiter des Fachgebiets Primarstufendidaktik Deutsch. „Kinder brauchen aber die Erfahrung des Schreibens eigener Texte, damit sie Rechtschreibung als Problem erkennen und lösen können.“

Anke Reichardt

Erst beim Schreiben merkten viele Schüler überhaupt, mit welchen Wörtern sie Schwierigkeiten haben, ergänzt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anke Reichardt. Im Unterrichtsalltag würden aber oft allgemeine Rechtschreibregeln durchgenommen, anstatt an den Problemen zu arbeiten, auf die die Kinder beim Schreiben ihrer Texte stoßen.

„Man denkt: Ich unterrichte die Regel und dann wird sie angewandt. Es ist aber umgekehrt: Dass Mutter mit zwei ,t‘ geschrieben wird, lernen die Kinder, wenn sie es schreiben und dabei bestimmte Muster erwerben“, erklärt Kruse. „Wer Mutter schreibt, für den liegt es nahe, nach diesem Muster auch Futter und Butter zu schreiben.“ Das haben die Wissenschaftler auch in der Praxis überprüft. Dazu arbeiten sie seit 2008 mit Kasseler Grundschulen zusammen. Dabei haben sie festgestellt, dass Kinder auf Übungsblättern zur Rechtschreibung teilweise gut abschneiden, beim Schreiben von Texten dann aber viele Fehler machen. Durch vermehrtes Schreiben eigener Texte und gemeinsame Arbeit an den Fehlern habe sich die Leistung der Schüler mit Rechtschreibschwierigkeiten dann deutlich verbessert.

Norbert Kruse

Seit zwei Jahren findet das Projekt „Rechtschreibförderung im sozialen Raum der Klasse“ regelmäßig in den 4. Klassen der Schule Am Lindenberg und bald auch an der Grundschule Bossental statt. Weil Studenten im Schulpraktikum die Betreuung der Kinder übernehmen, dient es zugleich der Lehrerausbildung.

Die Grundschuldidaktiker planen auch, eine Beratungsstelle für Lehrer an der Uni einzurichten, wo es Tipps zur Gestaltung des Rechtschreibunterrichts und zu Hilfen für rechtschreibschwache Schüler gibt. „Das Fachwissen der Lehrer ist entscheidend dafür, wie gut die Kinder schreiben lernen“, sagt Reichardt. „Wenn ich nicht weiß, wie das System der Rechtschreibung im Deutschen funktioniert, kann ich es auch nicht unterrichten.“

Daher halten die Germanisten sieben Semester Studium für angehende Grundschullehrer, die in der Regel drei Fächer studieren, für zu kurz.

Von Katja Rudolph

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