Interview mit Lehrerin Katja Groh (GEW)

Grundschullehrer fordern gerechte Bezahlung: „Wir übernehmen immer stärker die Erziehungsarbeit“

Katja Groh ist Lehrerin in Fuldabrück-Bergshausen. 
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Katja Groh ist Lehrerin in Fuldabrück-Bergshausen. (Archivbild)

Jedes Jahr am 13. November demonstrieren Grundschullehrer für eine gerechte Besoldung. Coronabedingt muss die Protestversammlung in diesem Jahr ausfallen.

Kassel – Wir befragten Katja Groh von der Lehrergewerkschaft GEW, die zu der Veranstaltung aufruft.

Gibt es eine Alternative zur Demonstration, die dieses Jahr ausfällt?
Da wir Kultusminister Lorz in diesem Jahr nicht durch öffentliche Aktionen auf uns aufmerksam machen können, haben wir einen offenen Brief an ihn geschrieben. Wir äußern darin unser Unverständnis darüber, dass er einerseits die hochprofessionelle Arbeit der Grundschullehrerinnen und -lehrer öffentlich lobt, die Grundschulen sogar so wichtig findet, dass sie als einzige Schulform noch 14 Tage vor den Sommerferien vollständig geöffnet werden mussten. Aber nach wie vor ist er nicht bereit, diese qualifizierte Arbeit adäquat zu bezahlen. Seine Belohnung für diese wichtige Arbeit ist eine deutlich schlechtere Bezahlung – rund 500 Euro monatlich weniger als bei Lehrkräften der anderen Schulformen. Den Brief haben alle Schulen im Bezirk Nordhessen erhalten. Innerhalb kürzester Zeit haben 50 Schulen über 560 Unterschriften gesammelt und es werden täglich mehr. Auch viele Kolleginnen und Kollegen anderer Schulformen unterstützen unsere Forderung. Die gesammelten Briefe werden wir von der GEW-Bezirks-Fachgruppe Grundschule per Einschreiben mit Rückschein an den Kultusminister schicken. Wir haben um eine Antwort gebeten und sind sehr gespannt.
Warum am 13. November?
Der Protest wird jährlich am 13. November angesetzt, um deutlich zu machen, dass wir im Vergleich zu allen anderen Lehrkräften, rechnerisch jedes Jahr ab diesem Tag rund sechs Wochen, also bis zum Ende des Jahres, ohne Vergütung weiterarbeiten müssen. Indem wir auf dieses Datum hinweisen, wird die ungleiche Bezahlung deutlich.
Sie argumentieren mit Ihrer großen gesellschaftlichen Aufgabe.
Ja. Die Arbeit, die wir täglich in den immer heterogeneren Gruppen leisten, entscheidet für jedes Kind über den lebenslang bedeutsamen Beginn der individuellen Bildungskarriere. Wir leisten einen Großteil der Inklusion und der sprachlichen sowie kulturellen Integration unter personell völlig unzureichenden Bedingungen. Wir übernehmen immer stärker die Erziehungsarbeit der Erziehungsberechtigten, die sich leider immer weniger als Erziehungspflichtige fühlen. Und das ist nur ein Teil der Belastungen bei der Grundschularbeit. Wir machen das alles seit Jahren, den Kindern und dem beruflichen Ethos verpflichtet, bis weit über die Belastungsgrenzen hinaus, wie man den zahlreichen Überlastungsanzeigen und Brandbriefen von Kolleginnen und Kollegen, Schulleiterinnen und -leitern aus Hessen entnehmen kann. Die höchste Unterrichtsverpflichtung und die schlechteste Besoldung sind die Anerkennung des Kultusministeriums.
Inzwischen protestieren Sie schon seit Jahren. Hat sich denn etwas bewegt?
In anderen Bundesländern hat sich bereits etwas getan: Hier hat man erkannt, dass man dem massiven Mangel an Grundschullehrkräften nur mit angepasster Bezahlung entgegenwirken kann und bezahlt sie wie andere Schulformen auch. In sieben Bundesländern wird bereits nach A 13 besoldet oder man ist in der Umsetzung dazu. Das reiche Bundesland Hessen findet jedes Jahr neue Argumente, warum kein Geld da sei, um diese gerechte Entlohnung zu finanzieren und somit die Elementarbildung zu fördern. Regelmäßig entscheiden sich engagierte Grundschullehramtsstudentinnen und -studenten um, wenn sie sich der schlechteren Bezahlung als Grundschullehrkraft bewusst werden. Und ja, es bewegt sich etwas: SPD und Linke beantragen aktuell im Hessischen Landtag die Besoldung der Grundschullehrer nach A 13.
Wie geht es weiter?
Wir sind uns bewusst, dass es in Grundschulen auf vielen Ebenen Probleme gibt, angefangen von zu wenig Personal, zu hohen Pflichtstundenzahlen, zu großen Klassen, zu wenig Entlastung für die Vielzahl zusätzlicher Aufgaben, stellenweise katastrophale räumliche Bedingungen, Defizite beim Schutz der Gesundheit von Lehrkräften und Schülern und vieles mehr, die viel zu wenig in die Öffentlichkeit getragen werden und für deren Beseitigung wir uns bei der GEW einsetzen. Wir bleiben in allen Gremien und auf allen Ebenen in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren mit Aktionen und Infos der Öffentlichkeit dran, unserer Forderung Nachdruck zu verleihen: A 13 für Grundschulprofession. (Christina Hein)

Zur Person: Katja Groh

Katja Groh (53) ist Lehrerin an der Grundschule am Lindenplatz in Fuldabrück-Bergs–hausen. Die gebürtige Marburgerin hat in Kassel Grundschul-Lehramt studiert. Sie ist seit 20 Jahren im Schuldienst tätig und engagiert sich in der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dort ist sie mit ihrer Kollegin Christiane Stock im Vorsitzenden-Team der Fachgruppe Grundschule der GEW Nordhessen. Sie ist Vorsitzende im GEW-Kreisverband Kassel-Land und Mitglied im Gesamtpersonalrat der Lehrer–innen und Lehrer beim Staatlichen Schulamt. Katja Groh ist verheiratet. Zur Familie gehören vier erwachsene Kinder. Mit ihrem Ehemann lebt sie in Kassel. (chr)

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