Nach tödlichem Schlag am Bahnhof: Offensive gegen Stromtod

Kassel. „Betreten der Bahnanlagen verboten“ steht auf dem Schild an der Leipziger Straße. Einige Jugendliche scheinen sich an dieses Verbot nicht zu halten. Das hat jedenfalls der Kioskbesitzer beobachtet, der sein Geschäft nahe des Güterbahnhofs in Bettenhausen hat.

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„Wenn ich morgens um 7 Uhr aufmache, dann kommen Jugendliche aus der Disko, brüllen und laufen an den Bahngleisen entlang“, erzählt der Mann.

Dass hier am Sonntagmorgen ein schwerer Unfall passiert ist, bei dem ein 19-Jähriger, der auf einen Waggon geklettert war, getötet wurde, hat der Kioskbesitzer mitbekommen. Er erinnert sich auch an den schrecklichen Unfall vom April vergangenen Jahres, bei dem zwei junge Männer am Güterbahnhof durch Stromschläge starben.

Die Bundespolizei will aufgrund dieser Unfälle jetzt mit Aktionen zur Prävention reagieren. In Diskotheken, dem „New Spot“ und dem A 7, sowie in Kneipen in Bettenhausen sollen Flyer der Deutschen Bahn AG verteilt werden, in denen auf die Gefahren hingewiesen wird.

Schüler werden informiert

„Normalerweise gehören Schüler der fünften bis siebten Klasse zu unserer Zielgruppe, die über die Gefahren an Bahnstrecken aufgeklärt werden muss“, sagt Carsten Decker, Leiter der Bundespolizeiinspektion Kassel. Da aber offenbar auch einige junge Erwachsene nicht wüssten, wie gefährlich es ist, einer Oberleitung mit 15 000 Volt zu nahe zu kommen, wird die Polizei jetzt im Stadtteil aktiv. „Ich spiel’ auf der Autobahn ja auch kein Fußball“ steht auf einem Plakat zur Abschreckung. Hier ist eine Person abgebildet, die auf einen Waggon geklettert ist und einen tödlichen Stromschlag bekommt. Auf solch ein Plakat sollen die jungen Menschen blicken, wenn sie die Diskothek verlassen, sagt Decker.

Ob der 19-Jährige, der am frühen Sonntagmorgen getötet wurde, und sein 20-jähriger Begleiter aus einer Disko kamen, das stehe nicht fest. Der 20-Jährige, der Verbrennungen erlitt, als er seinem am Boden liegenden Freund helfen wollte, stehe noch unter Schock. Fest stehe nur, sagt Decker, dass die beiden nicht über den Güternbahnhof gehen mussten, um nach Hause zu kommen.

Zäune entlang der Bahnstrecke zu ziehen oder den Strom an den Oberleitungen nachts abzustellen, um weitere tödliche Unfälle zu verhindern, diese Möglichkeiten schließt Decker aus. Es sei nicht realisierbar, alle Bahnstrecken in Deutschland einzuzäunen. Wer auf die Gleise oder einen Waggon wolle, der überwinde auch Zäune, sagt der Leiter der Bundespolizeiinspektion Kassel.

Erdung ist erforderlich

Theoretisch könne man den Strom in einzelnen Gruppen der Oberleitungen abschalten. Allerdings bleibe auch nach dem Abschalten eine Restspannung von 3500 Volt zurück. Nur über eine aufwendige Erdung könne diese Restspannung abgeleitet werden, sagt Decker. Eine Erdung funktioniere aber auch nur über eine Strecke von 600 Metern. Da am Güterbahnhof in Bettenhausen mitunter auch nachts Rangierbetrieb sei, sei dies nicht möglich.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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