Angehende Landschaftsarchitekten kreieren ihre Visionen zur vertikalen Lebensmittelproduktion

Gurken pflücken im 13. Stock

Fast alles Vision: Das New Yorker Hochhausprojekt Dragonfly (links) von Vincent Callebaut, in der Mitte ein Entwurf eines Pariser Architekten, daneben ein realisiertes Projekt in Berlin und darüber die Salzmann-Fabrik als Algenzucht. Fotos: Fischer (2), SOA Architects, Vincent Callebaut, Uni Kassel

Kassel. Den Balkonkasten mit Küchenkräutern kennt jeder: Angehende Landschaftsarchitekten an der Uni Kassel denken diesen städtischen Mini-Acker konsequent weiter.

Sie beschäftigen sich mit dem so genannten „Vertical Farming“ (vertikale Landwirtschaft). Unter dieser Bezeichnung wird die Lebensmittelproduktion in mehrstöckigen Häusern verstanden – ein Zukunftsmodell für wachsende Ballungsräume, in denen es an Anbauflächen fehlt.

Unterstützt Ideen seiner Studenten: Prof. Wigbert Riehl steht vor einer Skizze, wie alte Gleisanlagen bepflanzt werden können.

Prof. Wigbert Riehl vom Fachgebiet Landschaftsarchitektur betrachtet das Thema als eine Berufsperspektive für seine Studenten. „Die Weltbevölkerung soll bis zum Jahr 2050 von sieben auf neun Milliarden steigen. Drei Viertel der Menschen werden nach Schätzungen der Welternährungsorganisation in Megastädten leben. Dafür braucht es neue Konzepte“, sagt Riehl.

Transportwege bald zu lang

Für die Menschen in Metropolen wie New York, Lagos, Schanghai oder Tokio werde es immer schwieriger, eine wohnortnahe Lebensmittelproduktion zu gewährleisten. Egal ob Pflanzenanbau oder Tierzucht – die Transportwege in diese Städte seien jetzt schon weit. In Deutschland werde sich das Problem wohl als Erstes in der dicht besiedelte Rhein-Main-Region zeigen.

Deshalb arbeiten Wissenschaftler und Stadtplaner auf der ganzen Welt an Visionen für eine Versorgung der Städte von morgen. Beim „Vertical Farming“ sollen Pflanzenanbau und Tierzucht aber nicht nur in den Häusern betrieben werden – vor allem die Dächer sollen genutzt werden. In Deutschland gebe es Flachdächer in einer Größenordnung von etwa 50 000 Fußballplätzen, von denen ein guter Teil bepflanzbar sei, sagt Riehl. Glasdächer sorgten für den Schutz vor Smog - insofern es den im Jahr 2050 noch gebe.

Die in die Höhe angelegte Landwirtschaft bietet aus Sicht des Professors viele Vorteile: Die Treibhausgase könnten durch kurze Wege zum Kunden gesenkt werden. „Zudem werden bisher 80 Prozent des weltweiten Trinkwasserverbrauchs für den konventionellen Lebensmittelanbau verwendet. Durch das Vertical Farming können wir diesen Verbrauch um 70 Prozent senken.“ Dafür sorgten eine moderne Bewässerung und die ausbleibende Versickerung.

Die Kasseler werden sich ihr Gemüse wohl auch im Jahr 2050 nicht vom Dach eines Hochhauses pflücken. Dafür gebe es rund um die Stadt genug unversiegelte Flächen. Dennoch haben Riehls Studenten stadtbezogene Konzepte entwickelt. Student Tobias Ußner will die Salzmann-Fabrik für die Mikro-Algen-Zucht nutzen, die für die Energieerzeugung, aber auch für die Lebensmittel- und Kosmetikbranche interessant ist.

Während vieles bislang nur Visionen sind, ist ein Teil schon greifbar: Riehl hat ein Substrat entwickelt, das für den Anbau auf und in Gebäuden geeignet ist. Es hat keine organischen Anteile, schimmelt also nicht, und ist viel leichter als normale Substrate.

Von Bastian Ludwig

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