49-Jährigem werden 440 Vergehen an Adoptivtochter vorgeworfen

Gutachter im Missbrauchsprozess: Mädchen hat Übergriffe wohl wirklich erlebt

Kassel. Sachverständige können ein Gericht bei der Findung der Wahrheit unterstützen. Ob etwas wahr oder unwahr ist, das müsse allerdings allein das Gericht entscheiden.

Darin waren sich am Dienstag Dr. Georg Stolpmann, Arzt für forensische Psychiatrie und Psychotherapie, und der Nervenarzt Prof. Peter Müller einig. Beide gaben in dem Missbrauchsprozess, in dem sich ein 49-jähriger Mann aus Kassel vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts verantworten muss, ein Gutachten ab.

Der Maschinenbautechniker ist angeklagt, seine Adoptivtochter in über 440 Fällen zwischen den Jahren 2006 und 2011 sexuell missbraucht zu haben. Der Mann hat das bestritten und behauptet, seine mittlerweile 17-jährige Adoptivtochter lüge.

Anhand einer „aussagepsychologischen Begutachtung“ hat Stolpmann untersucht, ob die Jugendliche das Geschilderte selbst erlebt oder erfunden hat. Die Aussagen des Mädchens (bei der Polizei, bei ihm und vor Gericht) seien - von kleineren Abweichungen abgesehen - überwiegend konstant gewesen, so Stolpmann. Insgesamt ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Jugendliche die Anschuldigungen nicht ausgedacht habe, sondern das Geschilderte wohl auf wahren Erlebnissen beruhe.

In einem Gutachten zur Schuldfähigkeit ist Nervenarzt Müller zu dem Ergebnis gekommen, dass bei dem Angeklagten die Steuerungsfähigkeit vermindert gewesen sein könnte, sollte er sich des Missbrauchs wirklich schuldig gemacht haben. Der Angeklagte habe regelmäßig Alkohol im Übermaß getrunken. In Verbindung mit Ärger und der Wut darüber, dass sein Traum von einer heilen Familie zu scheitern drohte, habe die hemmungslose Wirkung von Alkohol sein Handeln beeinflussen können.

Ein Sachverständiger konnte allerdings eine Frage eindeutig beantworten: Kann ein achtjähriges Kind einen Höhepunkt erleben? Der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Bernd Herrmann (Klinikum Kassel) antwortete darauf mit „Ja“. Diesen Beweisantrag hatte die Verteidigung gestellt, weil laut Anklage dies dem Mädchen bereits mit acht Jahren passiert sei.

Spätestens ab der Geburt seien Säuglinge genital erregbar, so Herrmann. Der Mediziner, der auch für die Kinderschutzambulanz des Klinikums zuständig ist, machte allerdings deutlich, dass für Kinder sexuelle Erregbarkeit einen ganz anderen Stellenwert als für Erwachsene hat. Kinder hätten nicht die Fähigkeit, zu beurteilen, was Sexualität bedeutet und könnten das auch nicht einordnen. Zudem sei bei Kindern die sexuelle Erregbarkeit nicht steuerbar.

Bei Missbrauchsopfern, die sexuell erregt würden, entstehe eine Ambivalenz zwischen einem körperlichen Wohlbefinden und der Angst sowie dem Schamgefühl, den diese Kinder empfänden. Aus traumatherapeutischer Sicht sei der angerichtete Schaden bei diesen Opfern noch größer.

Das Urteil wird am 15. Oktober, 11 Uhr, verkündet.

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