Interview mit Kasseler Soziologin Kerstin Jürgens über Belastungen im Arbeitsleben

Gute Jobs halten gesund

Entfremdete Arbeit ist Gift: Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten hängen von der Art ihrer Tätigkeit ab. Das haben Kasseler Soziologen herausgefunden. Foto: Picture Alliance

Kassel. Überlastung und Stress im Job können krank machen. In einer Studie haben Soziologen der Uni Kassel untersucht, wo die Ursachen liegen und was Beschäftigten hilft, Arbeitsbelastungen zu bewältigen. Wir sprachen mit Prof. Kerstin Jürgens über die Forschungsergebnisse.

Wie groß ist der Einfluss der Arbeit auf die Gesundheit?

Prof. Kerstin Jürgens: Arbeit ist von zentraler Bedeutung in unserer Gesellschaft. Sie entscheidet über sozialen Status und Anerkennung der Person, sie beeinflusst Alltag und Lebenslauf der Menschen und entscheidet in vielfacher Hinsicht über das Wohlbefinden der Beschäftigten.

Was sind die stärksten Belastungen im Arbeitsleben?

Jürgens: Leistungsdruck ist eine Hauptursache von Erschöpfung und Verschleiß. Viele Beschäftigte haben das Gefühl, Anforderungen nicht erfüllen zu können, ihre Arbeit wegen Termindruck nicht „gut“ zu machen. Viele haben Sorge vor sozialem Abstieg und Angst um den Arbeitsplatz. Noch immer gibt es Unternehmen, die auf Leiharbeit zurückgreifen. Das löst Konkurrenzdruck aus und ist ein Signal an die Stammbelegschaft, ihre Ansprüche zurückzuschrauben und noch mehr Leistung zu bringen.

Welche Rolle spielt die Arbeit selbst, also die jeweilige Tätigkeit der Beschäftigten?

Jürgens: Eine ganz entscheidende. Die Arbeitsinhalte wurden bisher in der Debatte um Erschöpfung vernachlässigt. Sie geben aber oftmals den Ausschlag dafür, ob eine Tätigkeit als belastend und überfordernd empfunden wird oder nicht. Unsere Ergebnisse belegen, dass Beschäftigte unter standardisierten Abläufen und monotoner Arbeit leiden; selbst in der Automobilproduktion können die vergleichsweise sicheren Arbeitsplätze und höheren Entgelte nicht die Resignation und Perspektivlosigkeit ausgleichen, die sich bei vielen Beschäftigten durch die Arbeit in Taktbindung mit den Jahren einstellt.

Und ein positives Beispiel?

Jürgens: Als Gegenbeispiel haben wir in einem Dienstleistungsbetrieb Menschen angetroffen, die, bei geringem Einkommen unter sehr hohem Leistungsdruck standen und sehr flexibel und mobil arbeiten mussten. Sie waren aber dennoch sehr zufrieden, weil sie die Arbeitsinhalte für sinnvoll hielten, viel Gestaltungsspielraum hatten und Entwicklungsperspektiven für sich sahen.

Was kann der Arbeitgeber tun, damit seine Mitarbeiter gesund bleiben?

Jürgens: Wir müssen uns heute die Frage stellen, wie Arbeit so gestaltet werden kann, dass sie die Menschen nicht krank macht. Durch hohe Krankenstände und lange Fehlzeiten, wie man sie bei psychischer Erschöpfung kennt, entstehen enorme Kosten für die Unternehmen ebenso wie für die Gesellschaft. Eine innovative und nachhaltige Arbeitsorganisation reagiert heute deshalb sensibler auf die Bedürfnisse der Beschäftigten.

Was müsste sich ändern?

Jürgens: Es braucht branchen- und betriebsspezifische Lösungen. In der industriellen Produktion könnten die Taktzeiten verlängert und Arbeitsinhalte wieder mehr angereichert werden. In Dienstleistungsberufen könnten Arbeitsaufträge realistischer definiert werden. Fort- und Weiterbildung ebenso wie Laufbahnplanung bleiben wichtige Punkte.

Wie sinnvoll sind Gesundheitsangebote für Mitarbeiter?

Jürgens: Sport, Rückentraining und gesunde Ernährung tun sicher allen Menschen gut, es sollte aber den Beschäftigten überlassen bleiben, wie sie sich erholen. Unsere Studie belegt, dass die Menschen eigensinnige Erholungsweisen haben, die sich über die Jahre entwickelt und bewährt haben. Arbeitgeber sollten daher in erster Linie dafür Sorge tragen, dass den Beschäftigten Zeit und Kraft bleiben, die Freizeit nach den eigenen Vorlieben zu gestalten. Ein erfolgreiches Gesundheitsmanagement kommt dabei nicht umhin, sich immer wieder um eine hohe Qualität der Arbeitstätigkeit zu bemühen.

Von Katja Rudolph

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