Mehr als 250 000 Euro veruntreut – Bewährungsstrafe für 44-jährigen Autoverkäufer

Für den guten Ruf betrogen

Kassel. Es klingt nach einer kleinen Klitsche, einem windigen Gebrauchtwagenverkäufer - die Sorte mit geschottertem Ausstellungsplatz und eigener Imbissbude, bei der der 44-jährige Angeklagte seine krummen Geschäfte abgezogen hat. Tatsächlich spielte sich der Betrug in der Kasseler Großniederlassung eines deutschen Automobilherstellers ab.

Markentypisch ging es dort nicht um kleine Beträge. Mal hat der ehemalige Angestellte 27 000 Euro, mal 63 000 Euro veruntreut - „alles für die Firma, nicht für mich“, behauptete der 44-Jährige gestern vor dem Amtsgericht.

Angesichts der hohen Schadenssumme von mehr als 250 000 Euro fiel das Urteil mit einer 24-monatigen Bewährungsstrafe gnädig aus. Richterin Claudia Schiborr begründete dies mit der „atypischen Motivation“.

Dem Autoverkäufer wurde vorgeworfen, die Gelder bei Leasing- und Gebrauchtwagengeschäften veruntreut zu haben. In seinem Geständnis legte der Kasseler jedoch dar, er habe sich nicht selbst bereichert. Er habe stattdessen treue Kunden nicht verprellen wollen. Ausführlich schilderte der 44-Jährige alle 13 Fälle - fast vier Stunden dauerte seine Aussage. Obwohl er sehr ruhig und eloquent redete, konnte er seine Aufregung nicht verbergen. Auslöser für seine Unterschlagungen seien Versprechungen gegenüber Käufern gewesen, die er plötzlich wegen einer veränderten Firmenpolitik sowie wegen eines neuen Steuergesetzes nicht mehr habe einhalten können. „Dadurch wären einige Geschäfte geplatzt.“

Er habe außerdem unter erheblichem psychischen Druck gestanden, verkaufen zu müssen, um das Jahresziel zu erreichen. „Ich wollte mein Gesicht nicht verlieren und den Ruf der Firma wahren.“

Also habe er den Autokäufern die versprochenen Konditionen doch gewährt. Die so entstandenen Lücken habe er mit Mitteln aus Bargeschäften bei Gebrauchtwagen-Ankäufen gefüllt. „Das war ein Schneeballsystem.“

Bei diesen Deals verkaufte er - an seinem Arbeitgeber vorbei - Kundenfahrzeuge an externe Händler. Das war im Unternehmen zwar verboten, „aber gängige Praxis“.

Das illegale Geschäftsgebaren flog erst auf, als einer der Kunden von dem Autohaus angemahnt wurde. Den geforderten Betrag hatte er jedoch längst per Verrechnungsscheck gegenüber dem Angeklagten beglichen.

Wie hoch die komplette Schadenssumme letztlich war, ließ sich vor dem Amtsgericht nur grob klären. Schätzungen gingen bis 490 000 Euro.

Staatsanwalt Götz Wied hatte für die Taten eine dreijährige Freiheitsstrafe gefordert. Schließlich, begründete er sein Plädoyer, wolle er sich nicht unglaubwürdig machen. Das Gericht folgte jedoch dem Antrag von Verteidiger Knuth Pfeiffer. (pas)

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