Interview mit Kasseler Professor für Stadterneuerung

Nachkriegsbau: Mit der Hässlichkeit leben

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So gewollt: Hinter der eingeschossigen Bauweise der heutigen Kasseler Kneipenmeile stand ein architektonisches Konzept.

Kassel. In Kassel stehen bis heute viele Gebäude, die so aussehen, als seien es Provisorien der Nachkriegszeit, die die Jahrzehnte überstanden haben.

Über den architektonischen Wert des Kasseler Nachkriegsbaus und über die Frage, ob er gar erhaltenswert ist, sprachen wir mit Prof. Dr. Uwe Altrock, Leiter des Fachgebiets Stadterneuerung und Stadtumbau der Uni Kassel.

Wie konnten provisorisch anmutende Gebäude so viele Jahre überdauern?

Prof. Dr. Uwe Altrock: Bei welchen Gebäuden es sich tatsächlich um Provisorien der Nachkriegszeit handelt und wann ein städtebauliches Konzept dahinter steht, kann nur im Einzelfall beantwortet werden. Die heutige Kneipenmeile an der Friedrich-Ebert-Straße basiert auf einem Wiederaufbaukonzept - genauso wie die Einzelhandelspavillons an der Treppenstraße.

Es galt als chic?

Hat die Jahrzehnte überdauert: Dieser Pavillon an der Goethestraße ist - trotz einer Tendenz zur Verdichtung der Bebauung - bis heute nicht für Neubauvorhaben verschwunden. Recht daneben steht das ehemalige Finanzamt.

Altrock: Beides wurde so geplant. Klassische, zur Straße hin geschlossene Häuserzeilen waren nicht mehr gewünscht, sondern eine niedrige Bebauung. Das galt für die Nordseiten der Ost-West orientierten Straßenzüge, da die Wohnzeilen senkrecht auf sie stießen. Man wollte so den Schall aus den Wohnhöfen heraus halten. Die Bauten der Kneipenmeile sind ein gutes Beispiel dafür.

Aber bei manchen barackenartigen Gebäuden fällt es schwer, zu glauben, dass ein Konzept dahinter stand?

Altrock: Sicherlich gibt es noch einige einzeln stehende Gebäude, die aus der Not der Nachkriegszeit entstanden sind. Die Pavillons an der Goethestraße (Fahrradladen) gehören sicher dazu. Es ging seinerzeit darum, den Einzelhandel schnell wieder in Betrieb nehmen zu können.

Wie ist es mit dem Denkmalschutz bei solchen Häusern?

Altrock: Der Denkmalpfleger hat zunächst eine klare Faustregel: Die Epoche, in der ein Gebäude entstanden ist, muss abgeschlossen sein. Dies ist bei allen Objekten, über die wir hier sprechen, der Fall. Dann muss aber noch überprüft werden, ob ein geschichtlicher, städtebaulicher oder künstlerischer Wert mit dem Bau verbunden ist. Aus der Schlichtheit der Baumaterialien einen besonderen Wert zu konstruieren, dürfte schwer fallen.

Nachkriegsbauten in Kassel

Nachkriegsbauten in Kassel

Das heißt, solche Gebäude dürften theoretisch abgerissen werden?

Altrock: Das kommt wieder ganz auf den Einzelfall an. Bei einzeln stehenden Pavillons lässt sich kaum mit einem städtebaulichen Wert argumentieren. Anders ist es bei zusammenhängenden Ensembles wie etwa an der Friedrich-Ebert-Straße.

Aber ist der Grundstückswert in so zentralen Lagen nicht viel höher als der Wert der Immobilien?

Altrock: Sie werden bei eingeschossiger Bebauung fast immer zu dem Schluss kommen, dass sich die Ausnutzung des Grundstücks erhöhen lässt. In bestimmten Situationen scheidet eine solche Nachverdichtungsmöglichkeit aber schon deshalb aus, weil sonst die dahinter liegenden Gebäude stark verschattet würden. Die Frage ist, ob durch einen Bevölkerungszuwachs der Druck besteht, die Bebauung zu verdichten. An die Kneipenmeile etwa werden sie aber nie rangehen. Die Kneipen sind lebendig, es gibt keinen Grund, die Situation zu verändern.

Viele haben in Kassel bereits jetzt Probleme, eine Wohnung zu finden. Wird dies mittelfristig nicht dazu führen, dass Grundstücke besser ausgenutzt werden?

Altrock: Mit der Verknappung des Wohnraums wird eine Verdichtung der Bebauung immer interessanter. Potentiale dafür gibt es noch in Kassel, auch wenn schon viele Baulücken in den vergangenen Jahren geschlossen wurden. Wo jetzt noch Möglichkeiten zur Verdichtung bestehen, sind die Hindernisse aber oft groß – etwa die Eigentumsverhältnisse.

Wo sehen Sie Entwicklungsmöglichkeiten?

Altrock: Beispielsweise an der Kurfürstenstraße, die vom Kulturbahnhof in Richtung Treppenstraße führt. Diesen Bereich halte ich von seiner Nutzungsqualität für problematisch. Aber so lange die Eigentümer nicht mitziehen, können Sie als Stadtplaner wenig ausrichten. Insgesamt werden wir in Kassel mit vielen Nachkriegsgebäuden leben müssen, die die meisten wohl als hässlich bezeichnen würden. Weil es aber unwirtschaftlich ist, so viel Geschossflächen zu vernichten, muss es darum gehen, die gestalterischen Werte der Gebäude herauszuarbeiten.

Von Bastian Ludwig

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