Ein Mann aus Vellmar überfiel Frauen in Kassel – Im ersten Prozess kam er mit einer Bewährungsstrafe davon

Angriffe auf Frauen in Kassel: Bestraft die Justiz die Täter angemessen?

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Ort des Überfalls: Auf diesem Fußweg am Weinberg wurde Anna H. angegriffen.

Kassel. Fälle von Nötigung oder versuchter Vergewaltigung gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. Doch werden die Täter angemessen bestraft? Durch die erfolgreiche Gegenwehr der Frauen kamen sie meist mit Geld- oder Bewährungsstrafe davon. Wir berichten von einem Fall, bei dem der Täter rückfällig wurde.

„Ich glaube an unser Rechtssystem“, sagt die 31-jährige Anna H. (Name von der Redaktion geändert). Deshalb sei das Urteil, das ihr Peiniger vor dem Kasseler Amtsgericht kassiert hatte, damals für sie in Ordnung gewesen. Der Mann war Anfang 2011 wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt worden. Anna H. war davon ausgegangen, dass das Urteil ein Warnschuss für den Angreifer gewesen ist. „Der konnte sich doch nicht mal mehr trauen, über eine rote Ampel zu gehen.“

Dass der Mann, der vor zwei Jahren versucht hatte, sie am Weinberg zu überwältigen, um sich an ihr zu vergehen, nicht ins Gefängnis musste, war für Anna H. in Ordnung. „Der hat doch Familie und zwei Kinder. Ich weiß doch, was da dranhängt.“

Heute sieht die Studentin das anders: Sie weiß, dass der Mann, der vor einem Jahr im Prozess noch Reue gezeigt und im Gerichtssaal geweint hatte, eine weitere junge Frau angegriffen hat. Anna H. las im Oktober 2011 in der Zeitung von der versuchten Vergewaltigung auf der Luisenstraße. „Ich dachte sofort, dass es derselbe Täter ist. Auch wegen seiner Vorgehensweise“, sagt Anna H.

Der Täter hatte sich sowohl auf Anna H. als auch auf das 24-jährige Opfer in der Luisenstraße gelegt. Beide Frauen wehrten sich. Anna H. mit Worten, die 24-Jährige im Vorderen Westen schrie um Hilfe.

Das verunsicherte offenbar den Täter, der flüchtete. Er hatte die 24-Jährige zuvor mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihr das Nasenbein gebrochen. Auch in diesem Fall war der Täter, ein 41-Jähriger aus Vellmar, mit DNA-Spuren überführt worden. Der Mann, der im ersten Prozess mit einer Bewährungsstrafe davongekommen war, sitzt nach der zweiten Sexualstraftat nun in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben, sagt Staatsanwältin Kerstin Nedwed: wegen des Verdachts der versuchten Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung.

„Er ist ein Wiederholungstäter“, sagt sein erstes Opfer Anna H. Es sei gut, dass der Mann nun hinter Gittern sitze. „Das ist vielleicht auch für seine Familie besser.“ Anna H. ist erschrocken darüber, dass der Mann sein zweites Opfer auf der Luisenstraße überfallen hat. „Ich wohne im Vorderen Westen“, sagt sie. „Theoretisch hätte mir das auch passieren können.“ Dem Mann sehe man sein Gewaltpotenzial nicht an. „Er wirkt nicht aggressiv und nicht unheimlich. Der sieht ganz normal aus.“

Hintergrund: Nötigung, keine versuchte Vergewaltigung

Nicht nur nach dem Übergriff auf Anna H. wurde der Täter zu einer Geld- oder Bewährungsstrafe verurteilt. Zwei weitere Beispiele:

• Am 3. Dezember 2010 wurde eine 28-jährige Studentin von einem 50-jährigen Mann zwischen der documenta-Halle und der Hessenkampfbahn angegriffen. Der Mann habe ihr von hinten die Hand auf den Mund gelegt und sie ins Gebüsch gezerrt. Sie habe sich gewehrt und versucht, ihn in die Hand zu beißen, damit sie um Hilfe schreien kann. Angreifer und Opfer rollten zusammen die Böschung herunter. Ein Zeuge hörte die Schreie und kam der Frau zur Hilfe. Der Täter wurde vor dem Amtsgericht wegen einfacher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten und einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt. Anhaltspunkte für eine versuchte Vergewaltigung sah das Gericht nicht.

• Im März dieses Jahres verurteilte das Amtsgericht einen 34-jährigen Mann, der eine 40-jährige Joggerin an der Heinrich-Schütz-Schule angegriffen hatte, zu einer Geldstrafe von 4800 Euro. Wegen Beleidigung auf sexueller Basis. Als die Frau den Täter beim Laufen überholt hatte, habe er ihr plötzlich fest an den Hintern gegriffen und ihr Obszönitäten zugerufen. Sie schrie ihn an, wehrte sich, er ließ los. „Ich weiß nicht, wie das ausgegangen wäre, wenn ich mich nicht gewehrt hätte“, sagte die Frau während der Verhandlung vor Gericht. Der Mann war früher bereits wegen eines nicht ganz unähnlich gelagerten Falls vor Gericht gewesen. In diesem Fall war das Verfahren noch gegen eine Geldbuße eingestellt worden. (use)

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