Fragen und Antworten nach Urteil gegen Schalke-Anhänger

Haft für Kasseler Fußball-Fan: Täter nahmen Tod des Opfers billigend in Kauf

Vor dem Landgericht Marburg: Die Schalke-Fans verdecken im Gerichtssaal ihr Gesicht. Foto: Nadine Weigel

Marburg/Kassel. Dieser Fall hat für Aufsehen gesorgt: Auf einem Volksfest im mittelhessischen Gladenbach prügeln im Juli 2017 zwei Schalke-Fans einen Anhänger von Borussia Dortmund fast zu Tode.

Am Freitag ging der Prozess gegen die Angeklagten vor der Jugendkammer des Landgerichts Marburg zu Ende. Die jungen Männer sind jeweils 20 Jahre alt. Einer von ihnen kommt aus Kassel, der andere aus dem Lahn-Dill-Kreis. Das Urteil: jeweils viereinhalb Jahre Jugendstrafe wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Fragen und Antworten.

Wie ist das Urteil einzuordnen?

Zumindest nicht als milde. Das Gericht folgte auch nicht den Ausführungen der Verteidigung, die auf eine Bewährungsstrafe plädiert hatte. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Hemmschwelle der beiden Angeklagten aufgrund des Alkoholpegels von geschätzten 1,13 bis 1,73 Promille zwar heruntergesetzt war, sie beide aber trotzdem voll schuldfähig waren. Sie verletzten das Opfer mit Schlägen und Tritten „akut lebensgefährlich“ und nahmen seinen Tod billigend in Kauf, sagte der Richter.

Im vorliegenden Fall kam es zu einer Jugendstrafe. Warum?

Bei der Begehung der Tat waren die beiden Angeklagten im rein rechtlichen Sinne Heranwachsende – also Menschen, die zwischen 18 und einschließlich 20 Jahre alt sind. Für sie gilt das Jugendstrafrecht nur, wenn sie bei Begehung der Tat nach einer sittlichen und geistigen Entwicklung einem Jugendlichen gleichstanden oder es sich nach Art, Umständen und Beweggründen der Tat um eine jugendliche Verfehlung handelte. In der Praxis kommt gerade bei schweren Straftaten Heranwachsender noch das Jugendstrafrecht zur Anwendung. Im vorliegenden Fall schlug auch die Gerichtshilfe ein Urteil nach Jugendstrafrecht vor.

Sind die Urteile bereits rechtskräftig?

Nein, alle drei Pflichtverteidiger, deren Plädoyers sich in großen Teilen in die guten Sozialprognosen ihrer Mandanten verloren, kündigten an, in Revision zu gehen. Für sie ist der Tatbestand des versuchten Mordes nicht erfüllt. Anders als bei der Berufung werden bei der Revision nicht noch einmal die tatsächlichen Umstände des Falles untersucht, sondern es wird lediglich das Urteil auf Rechtsfehler überprüft. Generell können erstinstanzliche Urteile der Großen Jugendkammer, die auch diesen Fall entschied, nur mit der Revision beim Bundesgerichtshof angegriffen werden.

Was ist über den Kasseler Täter bekannt und wie ist seine Perspektive?

Die Gerichtshilfe sieht den heute 20-Jährigen auf einem guten Weg. In der Untersuchungshaft in Rockenberg (Wetterau) engagiere er sich und suche Hilfe beim Seelsorger und dem psychologischen Dienst. Was aber trieb ihn an, jene Tat vom Juli des vergangenen Jahres zu verüben?

Hier gilt es, auf die Kindheit und Jugend des Angeklagten zu blicken. Er fiel mit acht Jahren wegen Aggressionen auf; er bekam Medikamente, die er mit 14 absetzte. Damals zog er zurück zu seinem Vater nach Kassel, vorausgegangen waren ein Schulverweis und Probleme mit der Mutter, bei der er zuvor in Nordrhein-Westfalen gelebt hatte.

In Kassel sackte er nach der Trennung von der Freundin und dem Krebstod eines Freundes ab. Ihm blieben der Fußball und der Alkohol. Wenn er ins Stadion ging, trank er Schnaps und Bier.

Ist bekannt, wie es dem Opfer heute geht?

Es ist bekannt, dass der 22-Jährige bleibende Schäden davongetragen hat. Eine Psychologin diagnostizierte ein Frontalhirnsyndrom: eingeschränkte Belastbarkeit, fehlende Reflexionsfähigkeit, Konzentrationsschwächen und Wortfindungsstörungen. Der 22-Jährige wird seinen Beruf als Altenpfleger so nicht mehr ausüben können. (mit dpa)

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