Landgericht verurteilte 33-jährige Prostituierte und ihren 25-jährigen Freund

Haft nach Brand im Tattoo-Studio

Kassel. Tätowieren, so scheint es, ist ein heißes Geschäft. Erst brannte das eine Tattoo-Studio, dann das andere. Und als wäre das noch nicht genug, wurde auch die Privatwohnung des Inhabers zum Raub der Flammen. Drei Feuer in kurzer Zeit, aber nach Ansicht der Ermittler keine Serie. Jetzt verurteilte das Kasseler Landgericht ein Pärchen, weil es einen der Brände gelegt haben soll: im März 2009 in einem Tätowierladen an der Fünffensterstraße. Die anderen Feuer aber gelten nach wie vor als ungeklärt.

Nach fünf Verhandlungstagen inklusive einem Ortstermin, bei dem sich die Verfahrensbeteiligten im schäbigen Treppenhaus neben dem immer noch völlig verrußten Brandort zusammengedrängt hatten, verkündete Strafkammervorsitzender Jürgen Stanoschek: „Die Kammer hat keine Zweifel, dass die Angeklagten die Täter waren.“

Eine 33-jährige Prostituierte, die damals im Dachgeschoss des Hauses gewohnt hatte, wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr 25-jähriger Freund, wie die Frau drogenabhängig, muss für fünf Jahre und sieben Monate hinter Gitter.

Die Strafen fielen deshalb so hoch aus, weil ältere Verurteilungen mit einflossen. Und bei dem männlichen Angeklagten waren das sogar viereinhalb Jahre – er hatte sich aus Unmut über den Beruf seiner Freundin an einem ihrer Freier vergriffen, ihn geschlagen, seiner Geldbörse beraubt und nackt auf die Straße gejagt. Unter anderem.

Staatsanwaltschaft und Gericht zogen daraus den Schluss: Wer so unkontrolliert in Gewalt ausbricht, dem ist auch eine Brandstiftung zuzutrauen, für die er gar kein richtiges Motiv hat. Ein wenig Tätowierbedarf sollen die Angeklagten aus dem Studio mitgenommen haben. Ein Teil davon wurde jedenfalls später in der neuen Wohnung der Prostituierten gefunden – originellerweise, nachdem es auch dort gebrannt hatte.

Verteidiger fordert Freispruch

Dass über das Warum der Tat ansonsten nur spekuliert werden konnte, hatte für die Verteidigung einen sehr einfachen Grund: Die Angeklagten seien unschuldig und deshalb freizusprechen. Mit dem Inhaber des Tattoo-Geschäfts waren sie befreundet, im Hinterzimmer des Ladens wollte die Frau ein Domina-Studio einrichten. „Meine Mandantin hatte überhaupt keinen Grund, den Brand zu legen“, sagte Rechtsanwalt Bernd Pfläging. Und Beweise, dass sie und ihr Freund es getan hätten, gebe es nicht. Wohl aber Indizien. Und die reichten dem Gericht.

Insbesondere die hausinterne Videoüberwachung, die eine andere Prostituierte im Treppenhaus installieren ließ, wurde dem Pärchen zum Verhängnis: Gleich mehrfach und zu verdächtigen Zeiten tauchen die Angeklagten in jener Nacht auf den Bildern auf. Und dass sie nur Döner holen oder zum Crack-Kochen in den Keller gegangen seien, wie ihre Anwälte erklärt hatten, wollte das Gericht schlicht nicht glauben.

Von Joachim F. Tornau

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