Landgericht bestätigt 18-monatige Gefängnisstrafe

94 Bahnfahrten ohne Ticket: Haft für Schwarzfahrer

Kassel. Das Gericht konnte den Wunsch des Angeklagten nicht erfüllen. „Es hilft nur noch Psychiatrie“, hatte der 43-Jährige geradezu flehentlich gebeten. Geschlossene Abteilung, bitte. „Das Gefängnis halte ich nicht aus“, erklärte der Mann. „Und wenn ich da rauskomme, geht es nur wieder von vorn los.“

Mit dem nämlich, was den Kasseler schon etliche Male auf die Anklagebank und auch hinter Gitter gebracht hat: notorisches Schwarzfahren mit der Bahn, kreuz und quer durchs Land.

Doch trotz seines Flehens wurde er am Donnerstag von der Berufungsstrafkammer des Kasseler Landgerichts erneut zu einer Haftstrafe von anderthalb Jahren verurteilt - wegen „Beförderungserschleichung“, wie das Fahren ohne Ticket offiziell heißt, in nicht weniger als 94 Fällen. Und fast immer im ICE.

Nach Hamburg reiste er, nach Berlin, nach Dortmund, nach Dresden, nach Hannover, nach Köln, nach Frankfurt. Außerdem hatte der alkoholkranke Angeklagte eine Bahnreisende geschlagen und in Supermärkten geklaut. Sehr bescheiden allerdings: Schnaps für 1,79 Euro und Zeitschriften für fünf Euro ließ er mitgehen.

Mit der Entscheidung bestätigte die Strafkammer das Urteil, das das Kasseler Amtsgericht im August 2013 gegen den Mann verhängt hatte. „Das sind überwiegend Bagatelldelikte“, befand Richter Erwin Carl, auch wenn die Zahl der Schwarzfahrten gewaltig sei. „Das grenzt schon an Rechtsfeindlichkeit.“ Für die zwangsweise Unterbringung in einer Entziehungsanstalt, wie sie sich der Angeklagte erhofft hatte, aber reiche das nicht: Dafür seien gefährlichere Vergehen nötig als Schwarzfahren und Ladendiebstähle.

Dennoch meinte auch Richter Carl: „Ohne Behandlung wird man nicht davon ausgehen können, dass der Angeklagte keine weiteren Straftaten mehr begehen wird.“ Alle Versuche einer freiwilligen Therapie aber hatte der Mann stets nach kürzester Zeit wieder abgebrochen. Oder wie er selbst es ausdrückte: „Man hat mich wieder ziehen lassen.“

Psychiater haben dem 43-Jährigen, der unter einer leichten Hirnschädigung leidet, unter anderem einen „Wandertrieb“ attestiert. Seit seinem zwölften Lebensjahr trinkt er Alkohol, seit Langem ist er abhängig. Arbeit hat er ebenso wenig wie eine Ausbildung. Zurzeit sitzt er jedoch ohnehin wieder einmal in Untersuchungshaft: Im November wurde er festgenommen, weil er noch während seines Prozesses vor dem Amtsgericht weiter schwarzgefahren sein soll.

Zehnfache Beförderungserschleichung wird ihm in einer neuen Anklage zur Last gelegt, aber auch drei Körperverletzungen. Wann darüber verhandelt wird, ist noch unklar. Sicher ist nur: Die jetzige Verurteilung wird in eine zu bildende Gesamtstrafe einfließen. Und viel spricht dafür, dass es dann endlich auch für die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt reichen könnte.

Von Joachim F. Tornau

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