29-Jähriger wegen Körperverletzung verurteilt

Haftstrafe für Attacke gegen eigene Mutter

Kassel. Der Sohn soll nicht in den Knast, bitte. Der Sohn sei nicht gesund an den Nerven. Er soll ins Krankenhaus. Immer wieder und in gebrochenem Deutsch sagt das die Mutter, die am Donnerstag vor dem Kasseler Amtsgericht als Zeugin gehört wird. Doch das Urteil fällt anders aus: Wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Nötigung verhängt das Gericht eine Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten gegen den 29-jährigen Kasseler.

Beide verurteilten Taten richteten sich gegen die Mutter. Auch einen Diebstahl von 60 Euro aus ihrem Portemonnaie hält das Gericht für erwiesen. Geschieht so etwas jedoch innerhalb der Familie, muss ein Strafantrag vorliegen, um es zu ahnden. Die Mutter hat keinen Antrag gestellt.

Verurteilt wird der Sohn nun, weil er der 57-Jährigen im Oktober 2010 einen Schlag verpasste, von dem sie eine Prellung am Auge davontrug. Und weil er dann ihren Kopf packte und ihr eine zerknüllte Rechnung in den Mund steckte. Etwas später soll er das Geld aus ihrer Handtasche genommen haben.

Ursprünglich angeklagt waren diese Vorfälle als Raub. Auch wenn sie nun juristisch anders eingeordnet würden, gehe es um Taten von ungewöhnlicher „Brutalität und Abgebrühtheit“, betont Richter Römer. Die Strafe, die er und die Schöffen für angemessen halten, geht um zwei Monate über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe unter einem Jahr für möglich gehalten.

„Sie haben sie geschlagen und zwar heftig“, hält der Richter dem 29-Jährigen in der Urteilsbegründung vor. Juristisch wichtig sei aber, warum der Angeklagte zuschlug? Tat er es, um der Mutter Geld abzunehmen? Das wäre Raub.

Das Gericht hält aber auch eine Affekthandlung für möglich, die vom Entwenden des Geldes unabhängig war. Unstreitig habe es eine heftige Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn gegeben, sagt Römer. Erstmals habe die Frau dem nach eigenen Angaben spielsüchtigen Sohn Grenzen setzen und kein Geld mehr geben wollen. Dass der nach dem „Tabubruch, die eigene Mutter niederzustrecken“, nicht zur Besinnung gekommen sei, wiege schwer.

Korb mit Essen für den Sohn

Eingestellt wurde das Verfahren gestern mit Blick auf den Vorwurf, der 29-Jährige habe an einem anderen Tag unter Androhung von Gewalt Geld und Essen von seiner Mutter erpressen wollen. Die Mutter hatte berichtet, ihm aus dem Fenster einen Korb mit Lebenmitteln heruntergelassen zu haben. Ob das aus Angst oder aus Mutterliebe geschehen sei, wollte der Richter wissen. „Hunger macht Klauen“, sagt die Frau, deren Dolmetscher nicht erschienen war. Sie mache sich große Sorgen um ihren Sohn. Essen, sagt sie, würde sie ihm immer geben.

Von Katja Schmidt

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