„Sturm 18“-Aktivist wurde wegen Attacke auf Obdachlosen verurteilt

Haftstrafe für rechten Schläger

Kassel. Der Kasseler Neonazi-Kameradschaft „Sturm 18“ geht das Führungspersonal aus: Nach Bernd T., dem Gründer und Chef der braunen Gruppierung, muss nun auch der Mann, der zeitweilig als sein Nachfolger gehandelt worden war, hinter Gitter: Am Dienstag wurde Dirk W., 41 Jahre alt, vom Kasseler Amtsgericht zu vier Jahren Haft verurteilt.

Im Juli 2011 hatte er am Kasseler Kulturbahnhof einen Obdachlosen brutal zusammengetreten. In der Untersuchungshaft war der Angeklagte von einer rechtsextremen Gefangenenhilfsorganisation unterstützt worden, im Internet finden sich Spendenaufrufe für den „einsitzenden Kameraden“.

Doch in der knapp zweistündigen Verhandlung vor dem Amtsgericht kam seine Gesinnung nur ein einziges Mal zur Sprache. Und das in der Vergangenheitsform. Bei einer der vielen Vorstrafen – es ging um einen Überfall auf einen Punk im Jahr 2006 – war beiläufig erwähnt worden, dass Dirk W. irgendwann früher einmal rechtsextrem gewesen sei. In der Gegenwart interessierte Gericht und Staatsanwaltschaft lediglich, dass der 41-Jährige gestand.

Und das tat der ehemalige Aktivist der verbotenen Neonazi-Partei FAP, der 2011 aus dem Rheinland nach Kassel gekommen war und sich der berüchtigten Kameradschaft „Sturm 18“ angeschlossen hatte, mit einer ganz speziellen Erklärung: „Ich habe eine Borderline-Störung mit Kontrollverlusten.“ Deshalb habe er, auch wenn er sich an nichts mehr erinnern könne, wohl zugeschlagen und zugetreten an jenem Juliabend vor einem Jahr, als seine Kameraden am Kulturbahnhof mit einem Obdachlosen Streit angefangen hatten.

„Wie Elfmeterschießen“

Laut Anklage soll er dem Mann „mit voller Wucht“ gegen den Kopf getreten haben. Im Ermittlungsverfahren hatten Augenzeugen berichtet, dass Dirk W. ausgeholt habe „wie beim Elfmeterschießen“.

Vor Gericht blieb auch das ungesagt: Zeugen wurden wegen des Geständnisses keine vernommen. Auf die Strafe – das Höchstmaß, das vom Amtsgericht verhängt werden kann – hatten sich die Beteiligten gleich zu Beginn einvernehmlich verständigt. Abgeurteilt wurden damit neben der gefährlichen Körperverletzung auch sechs Einbrüche in Kindergärten und eine Grundschule, mit denen Dirk W. in Bonn zeitweise seinen Lebensunterhalt bestritten hatte. Außerdem floss eine zehnmonatige Bewährungsstrafe, die der 41-Jährige wegen tätlicher Auseinandersetzungen mit seiner Ex-Ehefrau kassiert hatte, in das Urteil mit ein.

Eingestellt wurde dagegen ein weiterer Vorwurf: Im September 2011 sollte Dirk W. eine leere Bierflasche nach einer Frau geworfen haben, die offenbar kurz zuvor mit „Sturm 18“-Kameraden aneinandergeraten war. „Das“, sagte der Angeklagte, „räume ich auf keinen Fall ein.“ Gericht und Staatsanwaltschaft gaben sich damit zufrieden.

Von Joachim F. Tornau

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