Halb Kassel untertunnelt

Bahntrasse mitten durch die Stadt mit Ausbau Hauptbahnhof setzte sich nicht durch

Kassel. Als in Kassel am 9. Juli 1979 die entscheidenden Weichen für die weitere Entwicklung der Stadt gestellt wurden, wollte das niemand hören.

SPD und FDP dafür

In Kassel war die Mehrheit aus SPD und FDP für den Neubau in Wilhelmshöhe mit einer Bahntrasse im Westen der Stadt, die CDU stimmte dagegen.

Ihre Position: Der Hauptbahnhof müsse erhalten bleiben, weil nicht zuletzt die Struktur der Stadt durch die Lage des Bahnhofs entscheidend beeinflusst werde. Die Furcht der CDU: Mit einer Neubaustrecke im Westen der Stadt und einem Fernbahnhof Wilhelmshöhe werde der Hauptbahnhof „irgendwann einmal aus dem Herzen der Stadt verschwinden“.

Prozess dauerte sieben Jahre

Der Abstimmung vorausgegangen war ein siebenjähriger Entscheidungsprozess, den die Bahn selbst eingeleitet hatte. Sie wollte Anfang der 70er- Jahre eine Neubaustrecke zwischen Hannover und Würzburg, weil die alte Bahnlinie hoffnungslos überlastet war. Täglich fuhren 160 Züge pro Richtung, 40 mehr, als technisch und wirtschaftlich vertretbar sei, hieß es bei der Bahn. Eine reibungslose Betriebsabwicklung sei so nicht mehr möglich. Zudem wollte man, dass die Züge - wegen der Konkurrenz zum Auto - endlich schneller unterwegs waren.

Dabei machte die Bahn von Anfang an auch deutlich, dass man bei einem Haltepunkt Kassel nicht in den Hauptbahnhof einfahren wolle. Das Ein- und Ausfahren in den Kopfbahnhof würde zu viel Zeit kosten. Und so fürchteten manche Befürworter der Neubaustrecke in Kassel, dass man bei einem Festhalten am Hauptbahnhof gänzlich von der neuen Bahn-Zukunft abgehängt werde. Die Bahn hielt ihren eigenen Hauptbahnhof in Kassel jedenfalls für bedeutungslos - er übe, so hieß es, kein „Standortdiktat auf Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe“ aus.

„Das war und ist die richtige Entscheidung.“

Kurt Friedrich, 1991, Verkehrsdezernent beim RP

Die Hauptbahnhof-Verfechter warteten indes mit einer Trasse auf, die halb Kassel untertunnelt hätte. Sie sollte unterirdisch durch Harleshausen und Kirchditmold führen, den Hauptbahnhof unter den vorhandenen Gleisen unterqueren und durch den Weinberg führen. Im Süden wäre die Tischbeinstraße mit einer Brücke überquert und schließlich das Auefeld durchkreuzt worden.

Aus diesem Vorschlag wurde nichts: Er hätte zusätzlich 500 Millionen Euro gekostet, es hätten viele Häuser abgerissen werden müssen und die massive Untertunnelung hätte Einsturzgefahren mit sich gebracht.

Obergutachten

Ein Obergutachten im Raumordnungsverfahren sprach sich schließlich für die Westtrasse, die Teile der Main-Weser-Linie aufnahm, mit dem Bahnhof Wilhelmshöhe aus. Kurt Friedrich, heute 85 Jahre alt und damals Verkehrsdezernent beim RP: „Das war und ist die richtige Entscheidung.“

Von Frank Thonicke

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